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Stuttgarter Nachrichten,
13. 12. 2008
Schwätzen im Unterricht erlaubt
Mundartdichter Wolfgang Wulz unterrichtet an
Schulen Schwäbisch
Um den schwäbischen Dialekt vor dem
Aussterben zu bewahren, besucht Wolfgang Wulz vom Arbeitskreis
Mundart in der Schule Schulklassen in der Region Stuttgart. Im
Unterricht spricht er mit den Kindern Schwäbisch und erlebt,
dass der Dialekt mittlerweile vielen Kindern unbekannt ist.
VON JOHANNES REICHART
"Und jetzt alle zusammen: Mei Hond isch mir am liebschde."
Wolfgang Wulz sitzt im Musikraum der Degerlocher Albschule und
blickt in erstaunte Gesichter. Die Kinder sind von seinem
Unterricht der anderen Art sichtlich begeistert. Amüsiert rufen
sie zu ihm: "Mei Hond isch mir am liebschde."
Das Schwäbische ist für Wolfgang Wulz eine Herzensangelegenheit.
"Ein Dialekt ist ein kultureller Schatz, den man pflegen muss",
sagt der gebürtige Heidenheimer. "Das passiert in der Schule
viel zu wenig". Am meisten werde das Schwäbische nach seinem
Empfinden noch auf der Schwäbischen Alb gesprochen - und am
wenigsten in Stuttgart. Den Grund dafür sieht der
Mundartforscher zum Teil in der Schulpolitik der vergangenen
Jahrzehnte. Bis vor wenigen Jahren sei es verpönt gewesen, in
der Schule einen Dialekt zu sprechen. Da habe es immer geheißen,
der Dialekt schade der deutschen Hochsprache, erinnert sich der
57-Jährige. Diesen Vorwurf hält der Deutsch- und
Geschichtslehrer des Goldberg-Gymnasiums in Sindelfingen für
unpassend. "Als Deutschlehrer muss ich den Kindern ein korrektes
Deutsch in Wort und Schrift beibringen. Aber sollen die Kinder
deswegen ihre regionalen Wurzeln vergessen?"
Um seinen Teil für den Erhalt des schwäbischen Dialekts zu
leisten, trat er vor einigen Jahren dem Verein Schwäbische
Mund.art bei. Der Verein hat sich auf die Fahne geschrieben,
sich "aktiv mit Nachwuchsförderung, Pflege, Erhalt und
Erforschung des Schwäbischen zu beschäftigen".
Dies geht wohl nirgends besser als in der Schule. Wulz legt eine
Folie auf den Tageslichtschreiber. Sie zeigt eine Bilderabfolge
eines frechen Jungen in der Schule. "Was macht der Junge denn
da?", fragt Wulz die jauchzende Kinderschar und zeigt auf die
einzelnen Bildchen. Die Kinder kichern. Im Chor rufen sie die
Bildunterschriften: "Naigsaud, nuffgloffe, neighoggd,
aigschlofe, uffgwachd, gveschberd, eipaggd, hoimgange".
Als Beauftragter des Schwäbischen Mundartvereins gründete Wulz
vor fünf Jahren mit Kollegen des Vereins
Muettersprochgesellschaft den Arbeitskreis Mundart in der
Schule. Die 60 Mitglieder des Arbeitskreises sind
Mundartforscher, Autoren, Musiker oder Kabarettisten. Auf
Einladung einer Schule gestalten sie eine Doppelstunde auf
Schwäbisch, Alemannisch oder Fränkisch, je nach Region. Seit
2005 fanden über 100 Unterrichtsbesuche von Mundartkünstlern in
Schulen statt.
Für die Degerlocher Albschule ist es der erste Besuch eines
Mundartdichters. Nun sind die schwäbischen Necknamen Stuttgarts
und seiner Ortsteile an der Reihe. Wolfgang Wulz zeigt am
Tageslichtschreiber auf das Bild eines Weinbauers, der eine
Butte auf dem Rücken trägt und zu Fall kommt. "Wisst ihr
eigentlich, wer die Steffelesrutscher sind?", fragt er in die
Runde der Schüler. "So nennt man die Stuttgarter. Es gab nämlich
Wengerter, die beim Hinabsteigen der Stufen auf ihrer
Traubenbrühe ausgerutscht sind. Die Schüler lachen, der
Schwäbischunterricht kommt gut bei ihnen an.
Doch Wulz möchte die Kinder nicht nur unterhalten, sondern auch
von ihnen etwas zu hören bekommen. Der achtjährige Paul meldet
sich und gibt einen Spruch seines Großvaters preis: "A oagnehm
grea agstrichenes Gartetörle". Seine Mitschüler blicken
verblüfft auf ihren Kameraden. Auch die siebenjährige Paula
meldet sich und singt ein schwäbisches Lumpenlied, das sie von
ihrem Vater gelernt hatte. "In den Kindern steckt ein Schatz,
der von Generation zu Generation weitergegeben wurde", resümiert
Wulz und notiert sich die Beiträge in sein kleines Büchlein.
www.mundart-in-der-schule.de
www.wulz.de
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