Stuttgarter Zeitung, Region
Stuttgart, 30. Januar 2009
Heimatpflege im
Klassenzimmer:
I schwätz Schwäbisch, ond du?
Von Robin Szuttor
Weil der Stadt - Schwäbisch ist nicht unbedingt
salonfähig. Wer die landsmannschaftliche Eigenart pflegt, gilt
schnell als Hinterwäldler. Mundartkünstler kämpfen gegen solche
Klischees und bringen Schülern den Dialekt näher.
Die 7b sitzt still im Klassenzimmer. An der Wand
hängen selbst gemachte Infoposter zu den Themen Erdatmosphäre
und U-Boote. An der Tafel stehen der Merksatz "kongruent gleich
deckungsgleich" und die Hausaufgaben vom Vortag: "Pyramiden
zeichnen", "Vokabeln üben, Seite 17". Doch die Siebtklässler der
Würmtalschule in Merklingen, einem kleinen Ort im Heckengäu
zwischen Neckarraum und nördlichem Schwarzwald, erwartet an
diesem Morgen weder Mathematik, noch Geografie oder Englisch.
Gleich bekommen sie eine Schwäbischlektion.
I hab's faschd nedd läsa
kenna
Bernhard Rössle, 46, hat die 7b im vergangenen Schuljahr
übernommen. "Es dauert noch eine Weile, bis man meine
Handschrift erkennen kann", sagt er. Zu seiner Art Unterricht
gehört, dass die nächste Doppelstunde für den pensionierten
Lehrer Hanno Kluge reserviert ist. Kluge, 63, beschäftigt sich
schon lange mit schwäbischer Sprache und Lebensweise. Er
schreibt Bücher mit Geschichten und Gedichten in Mundart, wurde
mit dem Sebastian-Blau-Preis ausgezeichnet.
Lehrer Rössle hat seine Schüler auf den Gast vorbereitet und
vorab einige Kluge-Texte behandelt. "I hab's faschd nedd läsa
kenna", sagt ein Mädchen. Kluge, in Jeans und Pullover, ist
nicht gerade der geborene Entertainer. Er fragt sich warm. "Was
isch eigentlich Dialekt?" - "Wenn sich zwei Menschen
unterhalten, nur auf andere Art." "Was kennt ihr denn für
Dialekte?" - "Schwäbisch und Sächsisch." "Wie redet ihr daheim?"
- "Mit meim Vater Schwäbisch, der kommt aus Merklingen, mit
meiner Mutter Hochdeutsch, die kommt aus Echterdingen", sagt ein
Schüler. "Mit den Großeltern Schwäbisch, mit den Eltern normal",
sagt ein anderer.
Seit vier Jahren gibt es "Mundart in der Schule", ins Leben
gerufen von der alemannischen Muettersproch-Gesellschaft und dem
Verein Schwäbische Mundart. Die Idee: um die regionale Identität
von Kindern und Jugendlichen zu stärken, treten schwäbische
Autoren und Musiker in Schulen auf. Rund vierzig Veranstaltungen
gibt es pro Jahr, mit leicht rückläufiger Tendenz. Hanno Kluge
wird meist in der Region Stuttgart angefordert, er ist der Mann
für die Neckarschwaben. Hellmut Haasis, der Märchenclown, macht
seine Späße bevorzugt auf der Schwäbischen Alb. Oberschwäbische
Schüler kommen in den Genuss von Reinhold Hittlinger und seinem
"Schwoba-Rap". Markus Manfred Jungs alemannische Poesie wirkt am
eindringlichsten im Schwarzwald, wo auch Wolfgang Miessmer seine
alemannischen Lieder mit Handharmonika-Begleitung vorträgt.
Sechzig Künstler stehen zur Verfügung. Seit zwei Jahren auch
fränkische.
Eine große Bereicherung
"Ich finde die Idee klasse", sagt Carmen Spiegel, 51,
Professorin an der pädagogischen Hochschule in Karlsruhe.
Mundart in der Schule sei ein Zeichen für die Kinder, zu ihrem
Dialekt zu stehen. In Großstädten wie Stuttgart mit bis zu 60
Prozent Ausländeranteil in den Klassen sei der Dialekt
mittlerweile ja praktisch verschwunden.
Mundart sei eine Bereicherung, weil sie das Sprachgefühl fördere
und Kindern mehr Ausdrucksmöglichkeiten schenke. Angefangen beim
Wortschatz über den Sprachstil bis zum Lautbereich, "da geht es
um Nuancen, es gibt Laute, die kann ein Unkundiger nie so genau
treffen wie ein echter Schwabe", sagt Spiegel. Bis zum Alter von
elf, zwölf Jahren sollte man seine Mundart intus haben, danach
nehme die Fähigkeit ab, sich Melodie und Klang einer Sprache
perfekt anzueignen. Was d's Fritzle nedd lernt,...
Sie halte nicht viel davon, wenn Eltern den Dialekt zu Hause
völlig ausklammerten, aus Sorge, dass man ihre Kinder als
einfältig oder die ganze Familie als provinziell abstempele. Was
allerdings nicht heiße, dass einem Kind, das sich ohnehin
schwertut in der Schule, die Umstellung von der dominierenden
Mundart auf Hochdeutsch nicht auch Probleme bereiten könne.
Wieso sag ich "der Butter", muss aber "die Butter" ins Heft
schreiben? Wieso sag ich "schdanda", schreibe aber "stehen"?
"Wenn Mundart in einer Klasse keinen Raum hat, sagt das Kind aus
Scheu dann vielleicht lieber gar nichts mehr", erklärt Carmen
Spiegel.
Im Unterricht, so lautet die klare Vorgabe, muss Hochdeutsch
gesprochen werden. Es gebe zwar keinen entsprechenden
Paragrafen, sagt Hansjörg Blessing vom Kultusministerium in
Stuttgart, das sei aber auch nicht nötig, weil es sich von
selbst verstehe: "Von der Grundschule an geht es um die
Vermittlung von Schriftsprache." Außerhalb des Unterrichts, im
Schulhof oder in den Pausen, habe der Dialekt selbstverständlich
seine Berechtigung. "Oder wenn er im Fach Deutsch an der Reihe
ist. Das Thema Mundart haben wir im Bildungsplan verankert."
In der Schulge gemäßigt - daheim etwas derber
Ganz so genau nimmt Bernhard Rössle die Vorschrift nicht. Er
kommt aus einem Dorf bei Merklingen. In der Schule spricht er
"gemäßigtes Schwäbisch, daheim etwas derber". Ihm sei über die
Jahre aufgefallen, dass in Klassen immer weniger Dialekt
gesprochen werde, auch in Merklingen. "Ich fände es schade, wenn
es sich verliert." Darum hat er Hanno Kluge eingeladen. Kluge
war früher Lehrer im lieblichen Taubertal. Eines Tages, beim
Besuch des Schulrats, tadelte man ihn, er schwäble zu arg.
Fortan kaprizierte er sich aufs Hochdeutsche. "Mit Anfang
dreißig hab ich mich an meine Wurzeln erinnert und angefangen,
Bücher auf Schwäbisch zu schreiben", erzählt er. Sieben Stück
seien es inzwischen - "ooohhh", die 7b ist beeindruckt. "Na ja,
die verkaufen sich nicht so gut wie die von Dieter Bohlen. Ich
mach's nicht zum Geldverdienen, sondern weil's mir Spaß macht."
"Was gefällt Ihnen so am Schwäbischen?" fragen die Schüler.
"Dass man damit Dinge viel treffender beschreiben kann als im
Hochdeutsch. Schwäbisch gehört zu mir. Ich will nicht, dass es
verloren geht", sagt Kluge. "Wer hat eigentlich Schwäbisch
erfunden? Es muss doch einen gegeben haben, der damit angefangen
hat." Kluge kann keine Namen nennen. "Ihr müsst überlegen, es
gibt so viele Ausprägungen: bei uns sagt man zum Beispiel ,i ben
gwä', im Schwarzwald heißt's ,i bin gsii', am Bodensee ,i bin
gsei'. In Dörfern auf der Schwäbischen Alb kann es sein, dass
ihr die Leute nicht mehr versteht," sagt Hanno Kluge. Dann trägt
er seine Gedichte vor: "Dr Vaddr schaffd, d Muadr schaffd, dr
Bua schaffd d Schual nedd."
Arno Ruoff, 78, Gründer der Arbeitsstelle "Sprache in
Südwestdeutschland" an der Tübinger Universität und ein Großer
der Mundartforschung, hält gar nichts von schwäbelnden Musikern
und Autoren in Schulen. Tröstlich sei allein, dass die
"grassierende Mundartstümelei" dem Dialekt auch nichts anhaben
könne. "Mundart muss man nicht pflegen, sie ist ja nicht krank",
sagt er. "Dass der Dialekt stirbt, behaupten nur die, die noch
nicht auf dem Land waren." Dem sozialen Zwang, im Berufsleben
zur Standardsprache greifen zu müssen, stehe der soziale Zwang
gegenüber, daheim in der Kleinstadt wieder zum Schwäbisch
zurückzufinden - "man will schließlich nicht als Parvenu
gelten". Es gebe einen lexikalischen Schwund, weil Wörter, etwa
für landwirtschaftliche Geräte, im Alltag allmählich wegfallen.
"Aber grammatikalisch oder vom Lautstand her verändert sich
Schwäbisch auch nicht schneller als in den letzten zweihundert
Jahren", sagt der Sprachwissenschaftler. Dass Kinder, die
Dialekt sprechen, in der Schule benachteiligt sind und
Ermutigung bräuchten, glaube er nicht. "Das ist zweisprachig gut
zu bewältigen." Leute, die nur Mundart können, gebe es eh fast
nicht mehr, "ich kenne noch ein paar, aber die sind alle schon
alt".
Sentimentalität in Reinform
Schon die Mundart zur Kunstform zu erheben habe etwas
Verdächtiges. "Solche schwäbische Lesungen und Vorträge sind
Sentimentalität in Reinform und deshalb nicht echt", sagt Ruoff.
Also könnten sie bei Kindern auch kein Verständnis für Mundart
wecken, "sie brauchen Texte von normalen Menschen". Ruoff und
sein Kollege Hermann Bausinger zogen erstmals in den fünfziger
Jahren mit Kassettenrekorder und Mikrofon durchs Ländle,
besuchten Höfe, Weiler, Kleinstädte und ließen die Leute einfach
drauflosschwätzen. Mehr als 2000 Sprachproben aus 500 Orten in
Südwestdeutschland, bis nach Bayerisch-Schwaben, Vorarlberg und
Liechtenstein, sind inzwischen zusammengekommen. Man kann sie
als Audio-CDs ausleihen. "Das wär eher was für die Schule", sagt
Ruoff.
Hanno Kluge macht ein Quiz mit der 7b. Ein Schüler hat sich
vorsichtshalber ein Wörterbuch Deutsch-Schwäbisch mitgebracht,
jetzt kann er spicken. Was bedeutet "Haipfl?" Kopfkissenbezug.
Was "Däbbr"? Hausschuhe. Was ist "Gsälz"? Marmelade. Dann die
schriftliche Prüfung: Wie schreibt man Heizung auf Schwäbisch?
Jan schreibt "Heizong" auf die Tafel, Paul "Heitsong", Marcel
"Haizong". Kluge lässt alles gelten, "ihr habt schon prima
reingefunden". Wie schreibt man Baustelle? Tobias ist für
"Baustell", Jans "Bauschdell" findet mehr Anklang. Jetzt soll
ein ganzer Satz übersetzt werden: "Der Junge kam von der Schule
nach Hause und schaltete sofort den Fernseher an." Die
ausländischen Kinder mit Schwäbisch-Lücken schreiben auf
Italienisch, Griechisch, Türkisch und Kaschubisch. Kluge
versteht kein Wort, "aber es klingt sehr schön".
Die anderen Kinder beraten sich eine Weile. Dann steht der Satz
auf der Tafel. In seiner schlichten Schönheit strahlt er, Weiß
auf Dunkelgrün, wie ein Leuchtfeuer vor Meeresuntiefen: "Dr Bua
isch von dr Schul hoim komma, und scho isch dr Kaschda o."
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