Gäubote Herrenberg, 23.05.2009

15 Namen für die Knolle

"Guade Morge, liebe Herreberger Pflasterstoascheißer!" - noch selten hatte der Deutschunterricht für die etwa 60 Sechstklässler des Andreae-Gymnasiums Herrenberg so lustig begonnen wie in dieser Doppelstunde, die vom schwäbischen Mundartforscher Dr. Wolfgang Wulz aus Gültstein gestaltet wurde.

Die Deutschlehrerinnen Isolde Wahl und Annemarie Hehn hatten den Kollegen mit Nebenfach "Schwäbisch" in einer Broschüre des Arbeitskreises "Mundart in der Schule" entdeckt und in ihre beiden Klassen zum Auftakt einer Unterrichtseinheit über "Sagen im heimatlichen Raum" eingeladen.

Ein frecher Schüler

Doch ehe Buchautor Wulz auf sein Spezialthema der Geschichten und Sagen rund um die schwäbischen Ortsnecknamen zu sprechen kam, aktivierte der Gültsteiner mit der Bildergeschichte des Schulalltags eines frechen Schülers die Mundartkenntnisse der Pennäler: naigsaud, nuffgloffe, neighoggd, aigschlofe, uffgwachd, gveschperd, naghoggt, weidertrialt, gweggd worde, nix gwissd, verseggeld worde, nix draus gmacht, eipaggd ond
hoimgange. Eifrig wurde rezitiert, ins Hochdeutsche übersetzt und nachgefragt, bis jeder wusste, was ein "Trialer" ist und was es bedeuten kann, vom Lehrer "verseggeld" zu werden.

Aber auch Ernsthaftes lehrte der Dialektforscher - etwa anhand von Landkarten die Verbreitung der drei in Baden-Württemberg verbreiteten Mundarten Schwäbisch, Alemannisch und Fränkisch. Vehement korrigierte Wolfgang Wulz den Unsinn, die südwestdeutschen Dialekte mit den politischen Begriffen badisch, württembergisch oder hohenlohisch zu bezeichnen. Staunend vernahmen die Teenies aus dem Gäu, dass es im Ländle mindestens 15 Bezeichnungen für die Kartoffel gibt: von "Aidäpfel" über Ebiire" bis zu den hierzulande bekannten "Grombiire".

Lebendige Schilderungen

Richtig Leben in die Bude kam dann beim Thema "Schwäbische Ortsnecknamen rund um Herrenberg". Zwar kannten einige schon den "Oname" ihres Wohnortes, doch wie es dazu gekommen war, dass die Unterjettinger die "Trialer", die Oberjettinger die "Deuchelschießer", die Affstätter die "Mondlöscher", die Gültsteiner die "Säu" oder die Öschelbronner die "Kälblesschlecker" sind, erfuhren die meisten erst aus den lebendigen Schilderungen von Wolfgang Wulz.

Besonders spannend wurde es, als der heute als Deutsch- und Geschichtslehrer am Sindelfinger Goldberg-Gymnasium tätige Autor aus dem Nähkästchen plauderte und erzählte, wie seine erste und bis heute liebste Geschichte über die "Breitenholzer Froschabschlecker" entstanden war: 1982 in einer sechsten Klasse des Andreae-Gymnasiums als Musteraufsatz für seine damaligen Schüler. Inzwischen ist daraus eine Sammlung von sieben Büchern mit Spitznamengeschichten geworden. Aus seinem neuesten Buch mit dem Titel "Was sich neckt, das liebt sich" trug Wulz zum Abschluss eine Mundart-Szene über die Döffinger "Rübemoschter" vor.

-gb-