Das Vereinsheft -
Aktuelle Ausgabe 1/2009
“Kinderzit-Heftli"
Auszug aus dem Thementeil:
Zum Kinderzit-Heftle
Guete un
mindere Zite gits immer, so wi s
Früehjohr git un Spätjohr und daß alles
mueß en Winter ho un ou emol sin Mai.
S
schiint vedeilt, wimmers oft itt wett un
me kaa wennig dezue, un je minder die
Zite, je wenniger kammer due, am
wennigschde abr as Kind.
Fallet
di widrige Zite id Johr, wommer Kind
isch, so dirffts grad es Glück si,
wemmer dänn villicht isch ewäng „ab de
Welt“, wi mer seet.
Un doch
isches Kindheit, de Früehling vom Lebbe,
un koschtbar wi alles, wo s eimol bloß
git.
Un wenn
ou s ganz Land isch am Zammekeie - un
itte bloß d Hiser, au d Mensche, und
sell, wa si bout honn dänn obsolet, so
singet wellewäg d Amsele-Vegl ufem Hag
un am Hang bliähet Bliämle niä schenner
als denn, wenn de Früehling im Früehling
s ganz Lebbe un s Bloue vom Himmel
vespricht, dammers gloubt. Trotz allem.
Manne un
Froue, won i hann derffe froge, ob se is
vo ihrre Kindheit meget vezelle, honnt
gwiß di schwerere Lösle zoge, wo si uf d
Welt kumme sind.
De
Eltescht 1918, grad wo de erscht Kriäg
vobei gsi ischt, di Jingscht, 1937, wo
de zweit scho bald widr agfange hott.
Wanni
zuegschickt krigt hann, hanni itt
chronologisch doher gsetzt, eher so,
wimmers in Sinn kumme n ischt, hann aber
druf glueget, daßes vu villene Gegende
vo isere Muettersproch herkumme soll:
vom Schwarzwald un vom Boddesee, vo de
Ortenau bis is Markgräfler Land.
Mol
isches in Gedichtform, mol meh Prosa. Un
mol meh luschtig, well s Lebbe ernscht
isch, oder ernscht, well grad wider
luschtig s Lebbe wegedäm.
Ältere
kennet uf bsundere Art vum Jung-sai
vezelle. Fridlich klingts meischtens,
well lang lang vobei, - un zum drus
lehre un itte vegesse, zum dra denke, wa
die nächschte mol z brichte honn, vor si
gonn.
Hanspeter Wieland
Immeschtaad am See im Friehjohr 09
Gerhard
Jung: e Buebenerinnerig
In
unserem Huus z Freiatzebach hinte häts
im dritte Stock obe gege de Wald zue e
paar vo sellene Winkeli gha, wo die
Große kuum anechömme.
Dört
isch allerhand für Grümpel
ummenandergstande: En usrangierte Herd,
e Chleiderchaschte voll Fasnächtszüüg, e
Reiskuffer mit Heiligebüecher un alte
Zittige un so Krimskrams un e kaputige
Stuehl oder zwee.
Do
däzwische han ich mir als Bueb e ganz
raffiniert Versteckli gschaffe – mi
„Waffechämmerli“. Im Vater sin
Offiziersebel un sin Fechtdege us de
Studentezit un e paar selbergmachti
Holzgwehrli, Ritterschild un
Steischleudere hän em de Name ge.
O läng
mer s Gwehr! Wenn i dra denk, wie n i an
sellem Sunntigmorge, wo di andere in de
Kirch gsi sin, zum schrege
Abtrittfenster usechletteret bi ufs
Dach, no würds mer hüt no schwindlig.
Vier Glasziegel han i uus un wider
iibaut ohni Grüst un Hebmi-Seil, numme
aß i Liecht gha ha in miinere Höhli.
Wenn des de Großvater gseh het!
Jo, mii
Waffechämmerli isch mii Höhli gsi. Do
han i niemer mit iine gno, kei Spezi un
kei Feriebueb, nit emol de Brueder.
Wi mänki
Stund bin i dört obe glege uf ere alte
Matratze un ha glese un glese oder au
numme vor mi ane träumt! Di Große hän
sich als de Chrage chönne abschreie noch
mer, niemer hät mi chönne ploge, wenn i
i miim Waffechämmerli gsi bi.
Dört ane
han i mii schlechtis Gwisse gschleipft,
wenn i als emol öbis bosget gha ha. Dört
han i im Pappe siim Dokterbuech
gstudiert, wie ne nackigi Frau uusiht.
Dört han i so mänke Buebechummer
uusghüült un so mänke Helderoman dichtet
mit mir als Mittelpunkt.
S hät
chönne cho was will: I miim
Waffechämmerli bin i däheim gsi, borge
vor allem Schlimmen un Unguete vo de
Welt. Niemeh un Nienemeh i miim ganze
Lebe bin i eso ne uusgfüllte Mensch gsi
wie in sellem staubige Winkeli zwüsche
Reiskuffer un Sebel.
Won i us
em Chrieg un us de Gfangeschaft heimcho
bi, isch s Waffechämmerli uusgruumt gsi,
de Sebel versteckt un d Heiligebüecher
verbrennt. Un vo de ganze
Buebeherrlichkeit sin numme no die vier
Glasziegel übrig gsi.
Gell, s
isch scho glatt, uf was mer des ha cha,
des „Heimweh“!
Gohts
euch ämend au eso? Hän er au emol neume
e Waffechämmerli gha, won er ganz ihr
selber hän dürfe sii?
I täts
euch vo Herze gunne! Wüsset er: Au in de
Träum steckt allewiil no e ghörigi
Portion vo dem, wo mir „Glück“ däzue
sage.
(aus:
Gerhard Jung "Mit e me
Bleistiftstümpli", Schauenburg-Verlag
1995)
| |
|
Weihwasser
De
Weihwasserchesselisch däheim
imHuusgang ghängt
un we mer in d Schuel sin, hät d
Mamme driiglängt,
hät s Chrüz gmacht uf d Stirne
un hät däzue gsait:
Göhn, in Gottsnamme!
Un d Täg sin
vergange un d
Monet un d Johr.
Un z mol chunnts is dumm
un altmodisch vor,
des Züüg mit dem
Weihwasserchessel.
Mir hän schließlich anderi
Herrgötter gha.
Mir legen e bruuni Uniform a
un singe ne Lied vom Horst
Wessel.
Un d Mamme
wird still un de Pappe wird alt.
Un dussen isch Chrieg un dussen
isch Gwalt.
Un zletzt han i au müeße fahre.
De Chessel isch all no im
Huusgang ghängt
un d Mamme hät nomol ins
Weihwasser glängt,
hät s Chrüz gmacht un gfrogt:
Häsch au alles däbii?
Si hät mi
groß a’gluegt, hät mer d Hand
ge. Un i?
I het grad chönne plaare.
Un het i ämend nit recht gha
dämit?
Aber mer hät halt nit plaaret in
sellere Zit,
mer hät gsait: Germane, die
plaare nit.
Weihwasser un Träne? Des paßt
sich nit.
Jetz muesch halt fahre. Adje
Mamme
in Gottsnamme!
I bi wider
heimcho. Mir häts glängt.
De Weihwasserchessel isch nümmi
im Huusgang ghängt.
D Mamme hät gsait: Er isch
abegheit
un hät e Riß kriegt
un Büüle un Schramme wie du,
Bueb.
Aber d Hauptsach, du bisch wider
do.
Zue me Weihwasserchessel werde
mer au wider cho.
In Gottsnamme.
(aus: Gerhard Jung, "Herrgott
isch des schön", Kaufmann-Verlag
1996) |

|
Wort-Schätzli
fiif
fiischtre Faischtr -
über eine
markante Lauterscheinung im Alemannischen
Nicht jeder
dürfte auf Anhieb die in der Überschrift
genannte und in Teilen Südbadens mögliche
Wendung fiif fiischtre Faischtr
verstehen, die, in Standarddeutsch übertragen,
fünf finstere Fenster bedeutet.
Vergleicht man aber die mundartlichen und
standarddeutschen Entsprechungen miteinander, so
stellt man fest, dass in den Mundartformen
regelmäßig das n geschwunden ist und
dafür der vor dem n stehende Vokal
gelängt (fiif, fiischter) oder sogar
diphthongiert (Faischdr) ist. Diese
Erscheinung, die sich in Teilen Schwabens,
Badens und der Schweiz beobachten läßt, wurde
von dem Schweizer Friedrich Staub im Jahre 1877
beschrieben und ist seitdem in der Forschung als
„Staubsches Gesetz“ bekannt. Dieses Lautgesetz
besagt, dass ein n nach Vokal und vor
Geräuschlauten wie f, s schwindet und
dass der vorangehende Vokal gelängt oder
diphthongiert wird. Die Bedingungen und Gebiete,
in denen dieser Wandel eintritt, sind
unterschiedlich und sehr komplex und können hier
nur grob vorgestellt werden. Auf jeden Fall
können wir Erscheinungen dieses Staubschen
Gesetzes, neben den oben schon genannten
Beispielen auch in Wörtern wie uns, Gans,
Linse, Ranft, Zins usw. in verschiedenen
Gebieten Südbadens ausmachen, meist im
südöstlichen Schwarzwald, der Baar, dem
Hotzenwald und am Hochrhein.
Das
größte Verbreitungsgebiet mit Nasalschwund zeigt
das Wort uns, mit Formen wie üüs, iis,
öis, ais, die vom südlichen Markgräflerland
bis zur oberen Kinzig und von dort bis zur Baar
und Höri reichen (s. Karte). Andere und kleinere
Verbreitungsgebiete zeigen die nasallosen Formen
bei Gans, nämlich Gous, Goos, Gaus;
bei fünf mit fiif, füüf, föif (s.
Karte); bei finster mit fiischter,
feischter usw.
Die Kenntnis
dieses Lautgesetzes erlaubt es nun auch, uns
sonderbar und undurchsichtig erscheinende
Mundartwörter in ihrer Herkunft zu durchschauen.
Wenn etwa Johann Peter Hebel in dem Gedicht
„Vergänglichkeit“ den Ätti sagen lässt: dort
han i au scho … Matte graust, so können wir
dieses graust als Partizip zu einem Verb
rause stellen, dessen Grundform jedoch
nach dem Staubschen Gesetz als runse
rekonstruiert werden kann. Es gehört zu Runs,
Runz ›Wasserrinne‹, eine Bildung zu
rinnen. Der Ätti sagt also: ›dort habe ich
auch schon Wiesen mit Bewässerungsrinnen
versehen‹.
Auch Wortformen
wie
brisele, braisele, bröisele, brüsele,
die in Südbaden in der Bedeutung ›verbrannt
riechen, schmecken‹ vorkommen, lassen sich nun
etymologisch klären: sie entsprechen einer
Grundform
brünselen,
einer Bildung zu
brennen,
Brunst.
Vergleichbar
sind auch
ziisle, zeisle,
zöisle, züsle
›mit Feuer
spielen‹, die aus zündseln, zünseln
hergeleitet werden können und gaise, göise,
güse ›schrill schreien, kreischen‹, die zu
mhd. günsen gehören.
Und
wenn in Teilen des Markgräflerlandes, des
Wiesentales oder des Hotzenwaldes die Küken als
Waiseli bezeichnet werden, so steckt
dahinter ein Verb waise, waisle, waisele,
das genau dem hochdeutschen Wort winseln
entspricht. Die Küken werden also wegen ihres
Piepsens so benannt. Schon Konrad von Megenberg
bezeichnet in seinem um 1350 entstandenen „Buch
der Natur“ die Stimme von Adlerküken als
winseln.
Wir können aus
diesen Beispielen sehen, dass manche
Erscheinungen unserer Mundart, die auf den
ersten Blick recht regellos erscheinen mögen,
bei genauerem Hinsehen einer erstaunlichen
Gesetzmäßigkeit folgen und uns die reguläre
Vielfalt der alemannischen Sprache zeigen.
Rudolf Post
 |