Unser Sprooch  

aus: Alemannisch dunkt üs guet, Heft III/IV 2001, S. 5-15

Die Gliederung des alemannischen Sprachraumes

Dr. Renate Schrambke

I. Einleitung

Die  sprachwissenschaftliche Erforschung der Dialekte setzte in Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein. Während sie zuvor nur im  Vergleich zur geschriebenen Sprache betrachtet wurden, sah man die Dialekte nun als Ergebnis einer organischen sprachgeschichtlichen  Entwicklung. Damit wurde die Dialektologie zu einem eigenen Forschungsgebiet, wobei zunächst der Aspekt der regionalen Verbreitung der Dialekte in den Vordergrund rückte: Man wollte wissen, wo man wie spricht, und wo die Grenzen zwischen den einzelnen Dialekträumen verlaufen.

Dies herauszufinden war das Forschungsziel des “Sprachatlas des Deutschen Reiches” (1889/90). Die Erhebungen zu diesem außergewöhnlichen Projekt  begannen im Jahre 1876 und wurden in den folgenden Jahren sukzessive auf das ganze deutsche Sprachgebiet ausgedehnt (vgl. dazu den Beitrag von Lars  Fischer in "Alemannisch dunkt üs guet", Heft I/II (2001), S.  30f.).

Die  Dialekträume, die sich aus dem Material des "Sprachatlas des Deutschen  Reiches" ergeben, sind durch die Zweite oder hochdeutsche Lautverschiebung  entstanden, d.h. durch Veränderungen in der Aussprache der Konsonanten p, t, k. Diese traten in unterschiedlicher Weise ein, abhängig davon, ob  diese Konsonanten im Anlaut, nach Konsonant oder nach Vokal gesprochen wurden.

Wie der  folgende Vergleich der Aussprache der Wörter ‘Pfund, schlafen, Zeit,  Wasser, Kind, machen’ zeigt, ist die Lautverschiebung nur im Südalemannischen vollständig durchgeführt. Im nördlichen Oberdeutschen  sowie im Mitteldeutschen gilt sie nur teilweise, das Niederdeutsche wurde von der Lautverschiebung nicht erfasst:

-  südalemannische Aussprache, z. B. in Lörrach:
Pfund, schloofe, Zidd, Wasser, Chind, mache;
- nordoberdeutsche Aussprache, z. B. in Freiburg:
Pfund, schloofe, Zidd, Wasser, Kind, mache;
-  mitteldeutsche Aussprache, z.B. in Trier:
Pund, schloffen, Zeit, Waass er, Kend, maachen;
- niederdeutsche Aussprache, z.B. in Hamburg:
Pund, slaapen, Tiid, Waater, Kind, maaken.

II. Die Gliederung des Oberdeutschen

Das  Oberdeutsche umfaßt drei Dialekträume: das Fränkische, das Bairische und  das Alemannische. Zwischen diesen Dialekten bestehen so große  Unterschiede, daß ein Berner Dialektsprecher einen Nürnberger oder einen Starnberger nur mit Mühe verstehen wird, es sei denn, man weicht auf eine andere Sprachebene aus, die man “Verkehrsdialekt”, “Regionaldialekt” oder “Umgangssprache” nennt.

Eine exakte  Trennlinie zu finden, anhand derer ein Dialektraum gegen einen  benachbarten abgegrenzt werden kann, ist für den Sprachforscher nicht immer einfach, trifft er doch auf das Problem, daß sich in sprachlichen  Grenzgebieten in der Regel eine Übergangsmundart herausbildet, in der sich  Eigenheiten von beiden Dialekten vermischen.

Der  alemannische Sprachraum wurde von zahlreichen namhaften Sprachwissenschaftlern erforscht; es gibt daher auch mehrere Gliederungen des Gesamtalemannischen, für die aber weitgehend identische Abgrenzungsmerkmale herangezogen wurden.

Im folgenden werden die wichtigsten laut- und wortgeographischen Dialektmerkmale, die zur Herausbildung der Dialekträume und Dialektlandschaften geführt haben,  gegenübergestellt (Gegensätze, die die Grammatik betreffen, werden zusammen mit den lautgeographischen genannt):

1. Alemannisch-fränkische Gegensätze

 
Alemannisch Fränkisch
Lautgrenzen:  
‘lieb, Brüder, Bruder’:  
lieb,  Brüeder/Brieder, Brueder liib,  Briider, Bruuder
‘Kirche, Wurst’: Kirch, Wurschd Kärch, Worschd
‘gesagt’: g’said g’saagd, g’saachd
‘laufen, kaufen’: laufe, kaufe laafe/loofe, kaafe/koofe
 

Bei den  folgenden Beispielen treffen fränkische Dialekteigenheiten im westlichen  Grenzabschnitt, der sog. Lauter-Murg-Schranke, auf oberrheinalemannische und im östlichen Abschnitt auf schwäbische:

 
'Weib, Häuser, Haus’:  
Wiib,  Hiiser, Huus (oberrheinisch),
Weib, Heiser, Hous
(schwäbisch)
Waib,  Haiser, Haus
‘Feuer’: Fiir (oberrheinisch),
Feier, Fuir, Fuur
(schwäbisch)
Faier
 

Nur im östlichen Grenzabschnitt unterscheiden sich die folgenden schwäbischen Lautungen bzw. Wörter von den fränkischen (die westlich anschließenden oberrheinalemannischen sind in diesen Fällen identisch mit den  fränkischen):

 
'Schnee, böse, groß’:  
Schnai,  bais, graus Schnee,  bees, groos
‘Finger, Hund’: Fenger, Hond Finger,  Hund
Wortgrenzen:  
‘Kater’: Rolle, Rälling Kater, Karer
‘wiederkäuen’: däuen iddere,  illeriche
‘Maulwurf’: Maulwerfer, Scher Mauerwolf, Wühler
‘Öhmd’: Öhmd Grummet
‘Täuberich’: Kauter Tauber
 

Anmerkung: Die wortgeographischen Beispiele werden in einer typisierten, an die Hochsprache angelehnten Form wiedergegeben; so werden z.B. die mundartlichen Lautungen Eemd, Oomd, Uumd unter ‘Öhmd’, Kutter,  Kitter, Kütter unter ‘Kauter’, daie, deie, daue unter ‘däuen’ zusammengefaßt.

2. Schwäbisch-bairische Gegensätze

Diese  Sprachunterschiede, die die sog. Lech-Grenze bilden, verlaufen dem Lech entlang bis Augsburg oder Landsberg, in einigen Fällen auch bis Schongau,  und von dort ost- bzw. westlechisch:

 
Alemannisch Bairisch
Lautgrenzen:  
‘Rad, Tag, sagen’:  
Raad,  Daag, saage Rood,  Doog, song
‘Hirn, Horn, Kern, Turm’:  
Hiire, Hoare, Keare, Duure Hian,  Hoan, Kean, Duam
‘Mädchen,  Wägelein, Käse’:  
Määdle,  Wäägele, Kääs Maadl, Waagerl, Kaas
Wortgrenzen:  
‘Kamm’: Strähl Kampl, Kamml
‘Kleider’: Hääß G’wand
‘rote  Rüben’: Randig, Rande Ranne, Rahne
‘heiser’: riech keuchet
‘Kinn’: Kinn Kinnbacken
‘Speichel  rinnen lassen bei Kindern’: trülen trenzen/tremsen
‘breitbeiniges Sitzen von Mädchen’: eine Grattel machen eine Greitel machen
‘Taufpate’: Dotlein Döte
‘Witwer’: Wittmer Wittiber
‘Rosenkranz’: Pater Beter
‘Kirchweih’: Kirchweih Kirchtag
 

III. Die Binnengliederung des Alemannischen

Der  alemannische Sprachraum wurde im nördlichen Teil geprägt vom Einfluß  fränkischer Spracheigenheiten, die die alemannischen Dialektformen in ein  südlicheres Gebiet zurückdrängten. Begünstigt wurde dieser Prozeß durch die natürlichen Gegebenheiten dieses Raumes: Die Oberrheinebene und das  ebenfalls leicht zugängliche Gebiet links des Schwarzwaldes ermöglichten den Verkehr vom Norden in die Schweiz und nach Italien, und mit den  durchreisenden fränkischen Händlern wurde fränkisches Sprachgut in den  alemannischen Raum gebracht. Auch in der Schweiz haben die sprachlichen  Unterschiede ihren natürlichen Rahmen im geographischen Gegensatz zwischen  dem flacheren nördlichen Mittelland, dem bergigeren Voralpenland und dem Hochalpengebiet: Während in der Nordschweiz, in kleinerem Umfang auch in der Innerschweiz heute noch fränkisches Sprachgut nachzuweisen ist,  verhinderte die Unzugänglichkeit insbesondere der hochalpinen Gebiete den  sprachlichen Einfluß aus dem Norden. Die Folge hiervon ist der ausgeprägte  Sprachkonservatismus vor allem im südlichen Teil der Schweiz, dem Wallis.

1. Nord-Süd-Gegensätze innerhalb des Alemannischen

Diese beiden Faktoren, der fränkisch-alemannische Überlagerungsprozeß sowie die konservative Sprachhaltung der südschweizerischen Gebiete, haben zu der  heutigen Nord -Süd-Staffelung des alemannischen Dialektraumes geführt. Die wichtigsten lautlichen Veränderungen, die, von Norden kommend, den  größeren Teil des Oberrheinalemannischen und des Schwäbischen erfaßt haben, waren:

a) Die “neuhochdeutsche Vokaldehnung”:

Diese bereits  im 12. Jahrhundert im Niederdeutschen entstandene und im Hochmittelalter  in das alemannische Sprachgebiet vorgerückte Lautveränderung betraf die  Dehnung in Silben, die auf Vokal enden, wie sa-gen, le-ben, Bo-den. Die ursprüngliche Kurzvokalaussprache (saggen, lebben, Bodden) ist aber im südlichen Teil des Alemannischen heute noch bewahrt.

b) Die “neuhochdeutsche Diphthongierung”:

Ebenfalls im 12. Jahrhundert setzte die Diphthongierung der langen Hochzungenvokale î,  iu, û ein, d.h., daß aus diesen Vokalen Doppellaute entstanden, die aus  zwei Vokalen gebildet wurden. Von Kärnten kommend, verbreitete sich die Diphthongaussprache im gesamten Mitteldeutschen, im fränkischen Teil des  Oberdeutschen und im Bairischen. Im alemannischen Sprachraum hat diese Neuerung nur das Schwäbische erfaßt, allerdings in abgeschwächter Form: Während im Fränkischen und Bairischen z.B. in ‘Weib, Häuser, Haus’ heute  offene Diphthonge gesprochen werden (Waib, Haiser, Haus), gilt im  Schwäbischen geschlossenere Aussprache (Weib, Heiser, Hous), die  der englischen in den Wörtern way, hay, low (‘Weg, Heu, niedrig’) ähnelt.

c) Die “Entrundung”:

Mit diesem Terminus wird die Entwicklung der mit Lippenrundung gesprochenen Vokale ü, ö, öu, üe zu den ungerundeten Vokalen i, e, ei/ai, ie bezeichnet; die  Aussprache von Wörtern wie ‘Hütte, böse, Böden, Freude, müde’ veränderte  sich dadurch zu Hidd, bees, Beede, Freid/Fraid, mied. Dieser erst in der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts nachgewiesene Lautwandel hat den größten Teil des deutschen Sprachraumes erfaßt, darunter auch den  nördlichen Teil des Alemannischen, d.h. das Oberrheinalemannische, Schwäbische und Bodenseealemannische; im Südalemannischen blieben die  gerundeten Vokale erhalten.

d) Die “binnendeutsche Konsonantenschwächung”:

Diese letzte große Lautveränderung hatte zur Folge, daß die im Alemannischen früher streng geschiedenen harten und weichen Konsonanten (Fortes und Lenes)  heute im nördlichen Teil des Oberrheinalemannischen und Schwäbischen weich  gesprochen werden, so daß dort zwischen b und pp in ‘Waben’ und ‘Wappen’, zwischen t und d in ‘waten’ und ‘Waden’, zwischen ck und g in ‘wecken’ und ‘wegen’, zwischen ss und s in ‘hassen’ und ‘Hasen’ und zwischen ff und f  in ‘offen’ und ‘Ofen’ kein lautlicher Unterschied mehr besteht. Im Süd-  und Höchstalemannischen gilt hingegen noch der alte Gegensatz zwischen der  Hart- und Weichlautaussprache.    

e) Die "k-Verschiebung":

Von  besonderer Bedeutung für die Gliederung des alemannischen Sprachraumes ist  die Entwicklung des ursprünglichen Verschlußlautes k zum Reibelaut ch in Wörtern wie ‘Kind, kalt, melken’. Die am weitesten nach Norden reichende  ch-Lautung ist im Wort 'melken' nachgewiesen. Nur wenig südlicher verläuft die k-Verschiebungslinie im Anlaut (Kind/Chind 'Kind', kalt/chalt 'kalt'), die in allen Gliederungen des  Gesamtalemannischen als Abgrenzungsmerkmal verwendet wird zwischen dem nördlichen, fränkisch beeinflußten Teil und dem südlichen, konservativeren Teil (vgl. die Übersichtskarte).

Die  k-Verschiebung ist im Hochalemannischen am weitesten durchgeführt, denn hier gilt sie auch in Wörtern wie 'trinken, Bank': das k wurde zum Reibelaut ch, danach schwand der dem ch vorausgehende Nasal n und der Vokal wurde gedehnt bzw. anschließend diphthongiert. Die Entwicklung führte demnach in 'trinken' von trinkche über trinche zu triiche und  schließlich zu treiche.

In diesem  Zusammenhang ist auch die “ich/ach-Laut”-Grenze zu erwähnen, die durch die  unterschiedlichen Realisierungen des ch-Lautes entstanden ist. Nördlich  dieser Linie gilt die standarddeutsche Aussprache, d.h., daß in ‘ich,  dich, echt’ das ch am vorderen, in ‘ach, Dach, Loch’ am hinteren Gaumen artikuliert wird. Südlich einer Linie, die von Wyhl am Rhein nach Denzlingen, Freiburg und von dort, dem Dreisamtal entlang, in südöstlicher Richtung zum Bodensee verläuft, wird das ch auch in ‘ich, dich, echt’ am hinteren Gaumen gebildet, folglich wie in ‘ach, Dach, Loch’.

Die Übernahme  von Neuerungen aus dem nördlichen Sprachgebiet hat zu einer Gliederung des  Gesamtalemannischen geführt, die durch zahlreiche nord-südliche Gegensätze  geprägt ist. Die wichtigsten inneralemannischen Unterschiede in Lautungen, Grammatik und im Wortschatz werden im folgenden dargestellt.

Oberrheinalemannisch–südalemannische Gegensätze

Das  Sprachgrenzenbündel, das das Oberrheinische vom Südalemannischen trennt,  zieht vom elsässischen Sundgau leicht bogenförmig hinüber zum Bodensee und wurde, nach diesem Verlauf, vom Freiburger Germanisten Friedrich Maurer  als “Sundgau-Bodensee-Schranke” bezeichnet. Grenzbildend hat hier in  erster Linie die k-Verschiebung sowie die Entrundung gewirkt (s.o., Punkte III.1.e und c). Eine weitere Grenzlinie ist durch die Erweichung von mhd.  b entstanden: Im Oberrheinalemannischen wurde b zwischen Vokalen und nach l zu w (heewe ‘heben’, bliiwe ‘bleiben’, KälwllKälwle ‘Kälblein’, halwer ‘halb’),  während im Südalemannischen das b erhalten blieb.

Die  neuhochdeutsche Vokaldehnung, die binnendeutsche Konsonantenschwächung  (s.o., Punkte III.1.a und d) sowie die Kürzung der Langvokale vor ch  gegenüber erhaltener Länge in Wörtern wie ‘leicht’ (licht vs. liicht/liacht) und ‘brauchen’ (brüche/bruche vs. brüüche/bruuche) bilden ebenfalls einen Nord-Süd-Gegensatz. Diese  und weitere Unterschiede sind nachfolgend gegenübergestellt:

 
Oberrheinalemannisch Südalemannisch
Lautgrenzen:  
‘Kind, kalt’: Kind, kalt Chind, chalt
‘Hütte,  böse, Freude, müde’:
Hidd, bees, Freid/Fraid, mied
Hütte, böös, Fröid, müed
‘heben,  bleiben’: heewe, bliiwe heebe, bliibe
‘Latten, Vater’: Ladd(e), Vadder Latte, Vatter 
Wortgrenzen:  
‘horchen’: horchen losen
‘Korn’: Korn Roggen
‘schieben’: schalten schürgen
‘bekommen’: kriegen überkommen
‘Quark’: Bibbiliskäse Zieger
‘Butter’: Butter Anken
 

Bodenseealemannisch-schwäbische Gegensätze

Die  Abgrenzungsmerkmale des Schwäbischen vom Bodenseealemannischen decken sich  teilweise mit denen, die das Schwäbische vom Oberrheinalemannischen  trennen, wie die nhd. Diphthongierung (vgl. oben Punkt III.1.b), die  Diphthongierung der alten Mittelzungenvokale ê, oe, ô (z.B. in ‘Schnee,  böse, groß’) und die Senkung von i, u vor Nasal zu e, o (z.B. in ‘Finger,  Hund’):

 
Bodenseealemannisch Schwäbisch
Lautgrenzen:  
‘Weib, Häuser, Maus’:
Wiib, Hiiser, Muus
Weib,  Heiser, Mous
‘Schnee, böse, groß’:
Schnee, bees, groos
Schnai,  bais, graus
 ‘Finger,  Hund’: Finger, Hund Fenger,  Hond
‘gehen,  stehen’:
goo/gong, stoo/stong
gou, stou
‘Sau’: Suu Sou
Wortgrenzen:  
‘ausleihen’: leihen lehnen
‘schieben’: schalten schieben
 

 

Südalemannisch-höchstalemannische Gegensätze

Die süd- und höchstalemannischen Mundarten unterscheiden sich in erster Linie durch die nur im Höchstalemannischen vollständig eingetretene Zweite Lautverschiebung (vgl. oben, Punkt 1.e):

 
Südalemannisch Höchstalemannisch
Lautgrenzen:  
‘trinken,  Gestank, Bank’:trinkche, G’stankch, Bankch triiche/treiche, G’staach/G’stouch, Baach/Booch/Bouch
weitere  Grenzen:  
‘Garn, Horn’: Garn, Horn Gaare, Hoore
‘schneien, bauen’: schneie, boue schniie, buue
‘Rücken’: Rügge, Rugge Rigg
‘Patenonkel’: Götti Getti 
Wortgrenzen:  
‘Kopf’: Kopf Haupt
‘Wange’: Backen Wang
 ‘Holzsplitter im Finger’:
Spriisse(l), Spiisse
Schine
 ‘schnarchen’: schnarcheln  ru(u)sse, ru(u)ze
 

Es gibt  Höchstalemannismen, die nur im Wallis nachgewiesen sind. Einige dieser  Sprachrelikte werden in der folgenden Übersicht den nördlich angrenzenden  Entsprechungen gegenübergestellt:

 
auf das  Wallis beschränkte Höchstalemannismen nördlich angrenzende Lautungen/Wörter
Lautgrenzen:  
‘schneiden,  heften, salben’: schniidu, heftu, salbu schniide,  hefte, salbe
‘Hase, Hasen’: Hassu,-o/Hasse Hass/Hassen
‘Rädlein,  Tröglein’: Radji, Trogji Rädli, Trögli
Wortgrenzen:  
‘Schienbein’: Schei(ch)e, Schiiche Schienbein
‘Kinn’(mit Graubünden): Kienbein Kiini, Küüni, Kifel
‘Bein’: Tschaaku Bein
‘Schorf, Kruste’:
Biibi, Pätsch, Seeri
Rufe,  Blätz
‘Mumps’: Mops Ohrenmückeli,Mumpf u.a.
Schnupfen’: Niiffe, -a, -u Schnuuder, Knüüsel, Pfnüüsel
 

2. West-Ost-Gegensätze innerhalb des Alemannischen

Im nördlich  des Hochrheins gelegenen Teil des Alemannischen ist ein Sprachgrenzenbündel entstanden, das von Friedrich Maurer, wiederum nach  dem geographischem Verlauf, als “Schwarzwaldschranke” bezeichnet wurde.  Diese verläuft etwas östlich des Schwarzwaldkammes in nord-südlicher  Richtung und setzt sich in abgeschwächter Form in der Schweiz fort. Das nördliche Teilstück der Schwarzwaldschranke trennt das Oberrheinalemannische vom Schwäbischen, der südliche Abschnitt das  Oberrheinalemannische vom Bodenseealemannischen.

Die  Entstehung dieser außergewöhnlich starken Sprachgrenze ist auf mehrere  Faktoren zurückzuführen. Zum einen wurden die Gebiete rechts und links des  Schwarzwaldes getrennt besiedelt. Im unwegsamen Schwarzwald erfolgte die Landnahme erst spät und allmählich aus den Landstrichen um Neckar und  Rhein. Auch nach der Besiedlungszeit bildete das Gebirge eine starke  Verkehrs- und Kommunikationsschranke, die dazu führte, daß der  Schwarzwaldkamm zur politischen Grenze wurde zwischen Württemberg auf der einen und der Markgrafschaft Baden, Vorderösterreich und Straßburg auf der anderen Seite. Mit der Reformation in Württemberg entstand hier zusätzlich eine Konfessionsgrenze.

All diese  Faktoren begünstigten eine getrennte sprachliche Entwicklung im Oberrheinischen und Schwäbischen. Aus der Vielzahl der an der  Schwarzwaldschranke aufeinandertreffenden dialektalen Gegensätze werden  nachfolgend wiederum nur die wichtigsten angeführt:

 
Oberrheinalemannisch Schwäbisch
Lautgrenzen  
‘Weib, Häuser, Maus’:
Wiib, Hiiser, Muus
Weib,  Heiser, Mous
‘Schnee, böse, groß’:
Schnee, bees, groos
Schnai,  bais, graus
‘breit,  Leiter’: braid, Laider broat, Loater
Wortgrenzen:  
‘Kleider’: Kleider Hääß
‘Schurz’: Fürtuch Schurz
‘einhenkliger  Korb’: Korb Kratten
'zweihenkliger Korb’: Zaine Schide
‘Reisigbündel’: Reiswelle Reisbüschel
‘Tannenzapfen’: Tannenzapfen Mockel
‘Großmutter, Großvater’:
Großili/Großmutter, Großvater
Ahne,  Ähne
Oberrheinalemannisch Bodenseealemannisch
Lautgrenzen:  
 ‘weiß,  feucht, saufen’:
wiis, fiichd, suufe
weiss, feicht, soufe
‘breit,  Leiter’: braid, Laider  broat, Loater
‘Weg,  leben, Leder’:
Wääg, lääbe, Lääder
Wäag,  läabe, Läader
 Wortgrenzen:  
‘ärmellose Anzugsweste’: Schile Leiblein
‘Schurz’: Fürtuch Schurz
‘Türklinke’: Falle Schnalle
‘Marmelade’:
Guts, Gutsele, (Beeren-)Mus
Eingemachtes,  Gesälz
‘Kopfkissen’: Pfulgen Pfulben
 ‘Sommersprossen’: Laubflecken (Märzen-)Riselen,  Märzenkegel
 

Südlich des  Bodensees ist, wenn auch nur auf einer kurzen Strecke, eine Grenze  zwischen dem Süd- und Bodenseealemannischen entstanden, an der sich ebenfalls westliche und östliche Dialektformen gegenüberstehen. Sie  verläuft dem Rhein entlang und damit parallel zur Landesgrenze zwischen  der Schweiz und Vorarlberg. Hier lassen sich die folgenden laut - und  wortgeographischen Unterschiede feststellen:

 
Südalemannisch Bodenseealemannisch
Lautgrenzen:  
‘Ärmel’: Äärmel, Iarmel Üarmel
‘Arbeit’: Äärbet Arbet, Aarbet
‘Speck,  Wetter, kneten’:
Späck, Wätter, knätte
Späack,  Wäatter, knäatte
‘Steg, Besen, Feld’:
Stääg, Bääse, Fääld
Stäag, Bäase, Fäald
‘melken’: mäleche mäalche
‘Wagen,  Faden’: Wagge, Fadde Waage, Faade
 

Nur auf dem  nördlichen Grenzabschnitt stehen sich gegenüber:

 
'Nacht’: Nacht Naacht,  Naat
‘Sinn’: Sii Sin(d
Wortgrenzen:  
‘Tüte’: (Papier-)Sack Scharmützel, Schalmutz
‘Kehrschaufel  an langem Stiel’: Schaufel Trucke
‘Preiselbeere’: Fuchsbeere Preiselbeere
‘Marmelade’: Honig Eingesottenes, Latweri
‘einjähriges weibliches Rind’: Galtling Jährling
 

Fazit:
Die Gliederung des Alemannischen, wie sie in diesem Beitrag  dargestellt wurde, ist aus dem Zusammenwirken von mehreren Faktoren entstanden, wozu sprachlicher Einfluß aus dem Norden, Veränderungen in Lautungen, Grammatik und Wortschatz vom Spätmittelalter bis heute sowie  sprachlicher Konservatismus im Süden zu zählen sind. Schwäbisch,  Oberrhein-, Bodensee-, Süd- und Höchstalemannisch sind Bezeichnungen für Sprachlandschaften, die durch gemeinsame alemannische Eigenheiten  verbunden sind, daneben aber auch eigene, für die jeweilige Teilmundart  typische Merkmale entwickelt haben.

Zruck zue "Unser Sprooch"

 

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