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Dr. Rudolf Post
Leiter des Badischen Wörterbuchs, Uni Freiburg, von
1998-2009
Das Häß
In der
"fünften Jahreszeit", also in der Zeit zwischen dem 11.
11. und Aschermittwoch, kann man in Zeitungen und Medien
des südwestdeutschen Raumes - wenn von
Narrenveranstaltungen, Narrenzünften, Narrenaufzügen
usw. die Rede ist - immer wieder von Hästrägern,
Narrenhäs, Blätzlehäs, Flecklehäs usw. lesen oder
hören. Das Grund- oder Bestimmungswort Häs (ich
schreibe im Folgenden aus etymologischen Gründen immer
Häß) hat hier die Bedeutung 'Narrenkleid' und
bezieht sich vor allem auf mehr oder weniger
traditionelle Narrenverkleidungen der
schwäbisch-alemannischen Fasnet, weniger auf
Kostümierungen vom Typ des rheinischen Karnevals.
Zugezogene, aber auch Alteingesessene werden sich dabei
immer wieder einmal fragen, was es mit dem Wort Häß
auf sich hat. Wo kommt es her und welche Bedeutung
steckt ursprünglich dahinter? Hier soll einmal diesen
Fragen nachgegangen werden.
Wenn heute das Häß in vielen Gegenden nur noch
als Bezeichnung für Narrenkleidung verwendet wird, so
muss dazu gesagt werden, dass es früher, aber auch heute
noch, in bestimmten Teilen des Schwäbisch-Alemannischen,
die Bezeichnung für Kleidung generell ist. So kann man
mit Hilfe der Sprachatlanten des südwestdeutschen
Sprachraumes (Sprachatlas der deutschen Schweiz, Bd. V,
Karten 121-122. - Südwestdeutscher Sprachatlas, Karte
IV/3.01. - Sprachatlas von bairisch Schwaben, Bd. II,
Karte 147) und der einschlägigen Dialektwörterbücher ein
Gebiet herausarbeiten, in dem Häß , bisweilen
auch Gehäß, als Bezeichnung für Kleidung, Anzug
generell gilt. Wie das hier gebotene Kärtchen zeigt,
sind Teile von Baden, Schwaben, Vorarlberg und der
Schweiz betroffen. Die Verbreitungsangabe gilt
für die ältere bodenständige Mundart, vielerorts wird in
dem gelb markierten Gebiet der Karte das Wort auch nicht
mehr für Kleidung generell gebraucht. Aber im Brauchtum
der Fasnet hat das Wort eine große Vitalität erlangt und
ersteckt sich noch über das gelb markierte Gebiet
hinaus. Für den Plural (das Wort wird nicht sehr häufig
in der Mehrzahl verwendet) sind die Häß aber
häufig auch die Häßer, Häser in Gebrauch.
Schaut man in alte Schriftdokumente aus dem
südwestdeutschen Raum, so finden sich zahlreiche Belege
für dieses Wort, aus denen hervorgeht, dass es Kleidung
und Kleidungsstücke, ja sogar Bettzeug und Wäsche
bezeichnet. So steht etwa in den Überlinger Stadtrechten
für das Jahr 1419, dass die Schneider von einem
schlechten (schlichten, einfachen) anligenden
knöpfloten häß 14 Pfennige als Lohn nehmen dürfen
(Überlinger Stadtrechte, S. 104). Auch in
mittelhochdeutschen Quellen ist das Wort gut bezeugt (s.
Belege Mhd. Wörterbuch unten und die Belege aus anderen
Mundartwörterbüchern, besonders aus dem Schwäbischen
Wörterbuch und dem Schweizerischen Idiotikon). Im
Mittelhochdeutschen taucht neben hæze auch eine
Form hâz auf, wobei das Nebeneinander beider
Formen so gedeutet wird, dass hæze als
Kollektivform zu hâz anzusehen ist (vgl. unten,
Artikel aus dem DWb.). Erstaunlich ist, dass trotz der
guten Bezeugung in mittelhochdeutscher Zeit, bisher
keine Belege aus dem Althochdeutschen gefunden werden
konnten. Es gibt aber Entsprechungen im frühen
Angelsächsischen: hæteru n. Pl. „Kleider“ (vgl.
untenstehenden Artikel aus Holthausen: Altenglisches
etymologisches Wörterbuch). Diese Form zeigt, dass unser
Wort schon vor der 2. Lautverschiebung im Germanischen
gebräuchlich war.
Wie ist nun die weitere Herleitung des Wortes zu sehen?
Vor kurzem hat sich Werner Mezger in: Das Große Buch der
Schwäbisch-Alemannischen Fasnet, Stuttgart 1999, S. 64
hierzu folgendermaßen geäußert: "Zu dem in der Fasnet so
oft gebrauchten alemannischen Audruck „Häs“ für „Kleid“
sei hier übrigens am Rande erwähnt, dass er von dem sage
und schreibe schon bei den Hethitern nachgewiesenen und
über die Griechen zu den Römern gelangten Wortstamm
„wes-“ für „Kleidung“ kommt, wie er beispielsweise im
lateinischen „vestis = Kleid“ steckt. Während aus
„vestis“ auf dem Umweg über das Französische unser
hochdeutscher Begriff „Weste“ geworden ist, lebt die
alte Wurzel „wes“ nach der geringen Lautverschiebung von
„w“ zu „h“ im Alemannischen noch ganz direkt als „Häs“
fort". So weit Mezger. Richtig ist, dass unser Wort
Weste über das Französische auf lat. vestis
zurückgeführt werden kann und dass dies zu einem
indogermanischen Wortstamm *wes- 'kleiden'
gehört, doch unser alemannisches Häß hier
anzuschließen, ist aus mehrfachen lautlichen Gründen
(anlautendes h-, s aus germ. t,
mhd. Grundform hâz) ziemlich ausgeschlossen. Auch
die bisweilen zu hörende Deutung, das Wort stamme aus
lat. habitus „Kleid“ ist aus den gleichen Gründen
abzulehnen.
Ich schließe mich bei der Deutung der Herkunft Julius
Pokorny an, der in seinem Indogermanischen
Etymologischen Wörterbuch unser Wort, mit Entsprechungen
im Altindischen und Avestischen, zu einer Wurzel
*sked- 'bedecken' stellt (Wortartikel s. unten).
Nimmt man dazu eine Weiterbildung vom Typ *(s)kēd-
an, so könnte folgende lautgesetzliche Entwicklung
stattgefunden haben: *kēd > germ. *hēt (1.
Lautverschiebung) > ahd.*hāz (2. Lautverschiebung
und Entwicklung idg. ē > ahd. ā) dies
entspricht genau der Form hâz, wie sie im
Mittelhochdeutschen auch bezeugt ist. Die Form hæze
ist, wie oben schon angedeutet, dann als Kollektivform
zu hâz anzusehen.
Auf jeden Fall ist damit unser Wort ein mundartliches
Relikt aus dem indogermanischen Erbe des Deutschen und
so doch sicherlich 3000 Jahre alt.
Zur Vertiefung und Überprüfung meiner Abhandlung
über das Häß, sind im Folgenden alle
Wortartikel aus den einschlägigen Wörterbüchern
angeführt, die etwas über unser Wort dokumentieren.
Sie wurden von Anna Herb aus den Wörterbüchern
übernommen - herzlichen Dank!
(Bestimmte Sonderzeichen aus
den Originalen, können im Folgenden u. U. nicht
dargestellt werden).
1.) Belege aus historischen Sprachwörterbüchern
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Julius
Pokorny: Indogerm. etymolog. Wb. I, 919:
sked- ‚bedecken‘?
Ai. chadati (unbelegt),
chādáyati ‚bedeckt, verbirgt‘,
chattra-m ‚Schirm‘, chadís-
n. ‚Decke, Dach; av. sādayantī-
‚ein Kleidungsstück‘ (skyth. Hose?),
afghan. psōtəl ‚to put on, wear‘
(*pati-upa-sad); ahd hāz
m., mhd. hæze n. ‚Rock,
Kleidung‘, ags. hæteru Nom. Pl.
n. ‚Kleider.
WP. II 558, Holthausen Altengl. Wb. 146.
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Holthausen: Altengl.
etymolog. Wb., 146:
hæteru n. Pl. "Kleider",
ne. hater, zu ahd. hāz m., mhd. hęze n.
“Rock, Kleid(ung)”, ai čhadķ- n. “Dach,
Decke”, čhādįyati "bedeckt", s. WP.
II 558.
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Lexer: Mhd. Wb I,
1197:
hâz stm., hæze, hæz stn. (
I. 642b) rock, kleid, kleidung. hâz
MS. (= HEINZ. 121. 28,4). in irem
schambærlîchen hâz (: strâz) NETZ 12095. nu
sî verwâzen mit orse und mit hâzen KRONE
19938; hæze, hæz MART. (72, 52. 73,35.
140,7). WOLK. HÄTZL. WEIST. (1, 190). MAG.
cr. 118b. 151a. PF. forsch. 1,76.
HELDB. H. 1. 188,168. LS. 2. 677,24. sô sond
die dienstmägt ir hæsz, röck und mäntel ouch
nit anders tragen noch machen, denne daz
inen die blôsz uff die erden stôszint und
nit lenger MONE z. 7,65 (a. 1436). vgl.
13,296. 21,214. wann wir unserm gesinde hæze
geben MONE 5,252. — vgl. STALD. 2,23. SCHMID
263. BIRL. 222a.
hâzen swv. kleiden, in behâzen.
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Deutsches
Rechtswörterbuch V, 232:
Häß n. Kleidungsstück. die
pfaffen süllent platten han und >häss<
tragen als in zugehört und auch die juden
Schwsp (G.) 210. [nach dem Tod einer
Frau wird gegeben] das häss und gewandt,
alss sie ze kilchenn und ze strauss gienge
1359 SchwäbWB. III, 1219. möcht der
bannwart einem ichzit abgebrechen, es wäre
sein >häss<oder ander ding, den er nachts [frevelnd
im Weinberg] begreifet, das ist des
bannwarts 1444 SchweizId. II 1678.
des beste vihe oder >hosz< Hanauer,
Constd’Alsace 184. wan ouch ein
hertzogen man von todes wegen abegat, von
des guots soll syme hertzogen ein lipfall
gefallen sin . . . hat er aber kein vihe, so
soll im werden one ein das beste >hohs<. und
das >hohs< soll des meigers und des büttels
sin 1458 ZGO. 41, 580. federwatt,
gebänd und verschnitten >heß< [als
Ausstattung] 1490
Leutershausen/JbMittelfrk. 1, 30. ob ain
hofjünger abgienge, fraw oder mann, dem
gottshauß werden das best hopt und sein
>häsz< . . . hette er aber unberathen sün,
die nit wayber hetten, die solten desz
vatters >häß< beheben von deß gotteshauss
gnaden wegen Thurgau/GrW. I 267. wenn
jemand stirbt, soll dessen beste >hees< der
grundherrschaft anheim fallen 1782
Schmeller I 1175. s. Besthäß.
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Deutsches Wörterbuch
(DWb.) Bd. 10, Sp. 555:
HÄSZ, n. ein
oberdeutsches, namentlich alemannisches
und schwäbisches wort, mit langem ä,
kleidung; mhd. hæze (wb. 1,
642b), welches wort das collectivum vom
masc. hâz kleid, ist.
1) es bezeichnet nicht sowol ein
einzelnes kleidungsstück, als vielmehr
die kleidung sowol eines mannes als
einer frau allgemein, auch die wäsche
STALDER 2, 23; ebenso die betten TOBLER
258 (anderswo werden bett und
häsz getrennt genannt, s. nachher);
schue ond häsz die ganze
bekleidung des leibes das. Im niederl.
entspricht hes kittel. ob ain
hofjünger abgienge fraw oder mann, dem
gottshausz werden das best hopt und sein
häsz, als er zuo külchen und ze
hangarthen (heimgarten) goth, hette er
aber unberathen sün, die nit wayber
hetten, die solten desz vatters häsz
beheben von desz gottshausz gnaden
wegen, es soll auch einem keller das
best häsz werden, als er an aim
sonnentag gäht. weisth. 1, 267
(Thurgau); ob aber ain fraw abging,
.. so ist dem gottshausz gefallen das
best bett, und ihr häsz, als sy ze
külchen und hangarten gaht an dem
sonnentag; hetti sye aber unberathen
dochteren, die beheben das bett und das
häsz von desz gottshausz gnaden.
das.; trockenes häsz. FELDER
Nümmamüllers 7; das mädchen holte
seine sonntagshäs. AUERBACH
dorfgesch. 1, 121;
ich pin ein paur und trag an paurs hesz.
fastn. sp. 345, 11;
legten die guten kleider ab,
ir alte häsz wider anlegten,
darinn sie zu arbeiten pflegten.
B. WALDIS Esop 2, 54, 77;
weil du mit goldt gehst umb,
wolt ich gern wissen, wie das kum,
dasz du hast so zerrissen häsz;
bist gar zerhudelt umbs gesäsz.
4, 38, 37;
der mann liesz sich bereden des,
und legt bald an der frawen hesz.
4, 81, 76;
für alter wird das kleidt zerrissen,
es bringt auch maden in den käs,
es bringt auch schaden in das häsz.
WOLGEMUTH newer Esopus 2 (1623) s. 282;
die fraw die sprach mit züchten,
ich acht nicht seidener häsz.
Garg. 90a;
2) häsz heiszt auch nur
das hauptkleid, oberkleid des mannes:
da buckt sich der ein nider und würft
das häsz oder kleidt hinden über sich
über den kopf. FRANK weltb. 149a;
und sol der spitz nit länger sin dann
zwayer gleich lang, und das häsz, als
ver ainer mit siner nider gelassnen hand
geraichen mag. weisth. 1, 202 (st.
Gallen, Burgau 1469);
wie glatt liegt ihm an hembt und hähs.
a. weiszh. lustg. 399.
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2.) Belege aus Dialektwörterbüchern
Elsässisches
Wörterbuch I, 380:
† Häs(s) n. Kleid. 'Die Fraw
sprach: Ich acht nicht Seidener Häss' Fisch.
Garg. 133. - Schweiz. 2, 1678.
Schwäb. 263. Bayer. 1, 1175.
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Badisches Wörterbuch
II, 570:
A Häsz (aus dem
Mhd.) hääs Sunthsn, Unterbaldgn,
so aber ähnlich öfters in Südbaden;
jedoch abgelehnt in Neusatz, Biengen,
Todtm.; haiss Singen a.H.,
ähnlich Worblgn, Emmgn ab Egg. Mehrz.
Häßer 1895 Oberhomberg (Überlgn). -
f.: 1) ‚Gewand von Mann, Frau
oder Kind, regelmäßig die Kleidung als
Ganzes' Schwäblishfn, Pfullend.,
Meersburg, Überlgn a.B., Konst.,
Worblgn, Singen a.H., Stahrgn, Stockach,
Eigeltgn, Engen, Hattgn, Emmgn an Egg,
Unterbalbgn, Sunthsn, Waldhsn
(Donaueschgn), Überauchen, Villgn, Hug
Vill. Chr. 140, St. Georgen i. Schw.,
Schollach, Löffgn, Reiselfgn, Stühlgn,
"im Wiesental", Scheffel (Bong 2, 264 Z.
39) Festgruß, A. Hermann 31, Steig
(Hinterzarten), Unterglottertal,
Lehengericht, Hansjak. Erzb. 339,
Baden-B. (1917), Würm, Pforzhm (1928,
nördlichster Beleg). Bezeugt 1523. 1887
Meßkirch, aber schon 1582 durch Kleid
bedroht. Üblich 1920 Freib, aber 1950
fast nur noch in der Zusammens.
Flecklehäß. Sätze siehe
beschnotten, Z. 14, doppel Z.
46, Gefräß Z. 64. - 2)
kleine Sonderbedeutungen. a)
‚Trachtenkleider' Weiler (Vill.),
Gengenbach. - b) ‚bodenständige
Fastnachtkleidung' Überlgn a.B.; ins
Häs gehen ‚beim Fasching mitmachen'
Vill. Vgl. Bletzlehäß. - c) ‚nur
die Männerkleider, während die Frau ein
Kleid trägt' 1919 Unselfgn.
‚Hofen' (Volksethymologie!) 1895
Birndorf. - d) ‚Bett- und
Leiwäsche insgesamt' Wolfach, St.
Georgen (Freib.). - Beachte noch
Agathle-, Bad-, Bett-, Fastnacht-,
Vierfest-, Ge-, Gotten-, Heb-,
Hochzeit-, Knöpf-, Kommunion-, Narren-,
Schaff-, Sonntag-, Stadt-, Unter-,
Werktaghäß. -
Fischer 3, 1219ff.
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Schwäbisches
Wörterbuch III, 1219:
Häss
hęs; hais Spald. Balgh.
TuRieth. Wurml. Tuttl. Neuh. Schura Tross,
Ggr. Karte 7 (alt auch ‚Haas', s. u.); Pl.
(wenn je gebraucht) entw. gleich (s. a. u.)
oder Hässer (vgl. Aug. 222) n. (alt auch
m.): die gesamte Kleidung einer Person,
gleichviel ob Mann, Weib oder Kind. In der
alten Litt., bes. rechtlich, allgem.; "stet
so in dem Zimm. Stat.-Buch von 1523; in dem
von 1582, das die betr. Verordnung sonst
wörtlich wiederholt, ist dafür ‚Khlaid'
eingesetzt; es muss also damals schon als
ein gemeines, nicht mehr in amtliche
Schriftstücke passendes Wort betrachtet
worden sein" Al. 15, 88; in der Tat findet
es sich nachher kaum mehr gebraucht. ‚Dass
er . . . uns Kost und Häss geb nách
Nótdúrfft' Gemminger 1426/Gq.
5, 547. ‚Umb Häss oder umb ander Ding, daz
zů ir Lib hoeret'1370 Es. /Gq. 7, 59.
‚Das Mer hats alls versalzen, Bett und Hess
was nass' FabPilg. 28. ‚Was si funden haben
von Hess, Bet' BiSchemm. XVI/Bkr. 299. ‚Die
Pfaffen süllent Platten han und Hass tragen,
als in zugehört, und auch die Juden'
SwSp.Ldr. G. 210 Anm. ‚So si [Mönche] gand
als die Laigen, Tanzen und och raigen In
weltlichem Has, In Lüdri und och Gefras'
Tnetz 4930. ‚Hett si [Nonne] aber ir
Inbrisen gelaussen Mit ir engen Hæssen [lies
‚Hassen']. . . Sie wær noch künsch und rain'
5110. ‚Iegliche [Edelfrau] wil ze fordorst
stan, Es sig ze Kilchen oder zuo Strass, In
irem schamberlichem Hass' 12093. ‚Nam den
Hürtenknaben bey dem Hess, zoch in hin und
wüder' Whi. XVI/Bkr. 212. ‚Man würd uns
[Nonnen] . . . dass Hess ob dem Haupt
zuesament binden', offenbar incl. Hemd
BiHeggb. XVI/eb. 283. ‚Alda man sahe das
Frawenzimmer Mit lauter guldin Hässen
schimmern' Woll. 1585/Chf. 108, 995. ‚In
königlichem Häss' [: ‚Trucksäss'] JFrischl.
1616/Chf. 84, 37. - Erbrechtlich. ‚So gehört
. . . des Vaters Harnesch und Hess', ‚So
solt der Frauen voruss werden solich Hess,
Claider und Claynat, die zu irem Lybe
gehoret hetten' Ho. XVI/Pf.Urk. 256. ‚Doch
mag sy [Wittwe] vor abnemen ir Morgengab,
Kleider, Kleinotter und Häss. . . . Dagegen
gehort den Kindern . . . irs Vatters Häss,
Harnesch und was zu der Wer gehorig ist'
265. "Dass . . . seines Bruders Kinder
seinen . . . ‚Harnasche und Hässe' erben"
Es. 1372/Gq. 7, 117. - Häss als Fall 3,
s. a. Hässfall. "Die zur Burg Staufen
gehörige Leibeigene . . . verliessen . . .
dem Schultheissen ihr bestes Häss oder
Gürtelgewand' Sattl.Gr. 4, 121; vgl.
Oab.Goe. 230. Nach dem Tod einer Frau wird
gegeben ‚das Häss und Gewandt, alss sie zu
Kilchenn und zu Strauss gienge' Lind.
1359/Wolfart 1, 1, 116. - Häss und Schuhe.
‚Häss und Schuch darumb zu koufen'
Tü.1456/TüBl. 11,42. ‚Sich mit Schuch und
Häss . . . versehen' Mem. 1529/Dobel 3, 29.
‚Mit leinen Hessen und Schuchen
nottdurftiger Weiss fürsehen' Aul. 1541.
‚Grosser Mangel . ... an Schuh und Hees'
NUlmElch. XVII/Zfd. 3, 199. ‚Hiess in Schuch
und Häss umb sich gurten' "Bebenhaus.
Passional 76"/Aug. 222. - Neben andern
Wörtern für Kleidung mag ‚Häss' entweder das
Ganze gegenüber den Teilen oder das nach
aussen sichtbare Obergewandt bez.; eine
speciellere Bed. erhellt nirgends, öfters
auch wohl nur phraseol. Nebeneinander. ‚Da
buckt sich der ein nider und würft das Häss
oder Kleidt hinter sich über den Kopf'
SFrank. ‚Sol ir darus [einer aus der
Sammlung ausgewiesenen Schwester] nútzit
ervolgen, denne ir Hässe und ir Stucha' Rw.
1383/Gq. 3, 198. ‚Waz ob sie Barchants oder
anders Gewandes zů
Schoppen oder Hässen verschnident' Es.
1401/Gq. 7, 409. ‚Dhain Gwand noch Hess . .
. versetzen' Ulm
1353/Gq. 8, 244. ‚Das . . . niemand . . .
weder Semitins noch Sidins nicht tragen so
zů dehainem Hässe überale' eb. 1411/eb. 233.
‚Daz nu fürbas dehain FrowenNam . . .
dehainen Mantel noch Rok nach dehainen Hässe
hie haben . . . süllen, der lenger si denne
der zů dem lengsten 1/2 Viertal ainer Eln
uff der Erde lige' eb. 1420/eb. 218. ‚Von
ainem schlechten anligenden knoepfloten Häss
gefuetert unz an die Guertel 14
Pfund, gefuetert durchuss 18 Pfund' Ueb.
XV/Geier 104; daneben Hose, Juppe, Mantel,
Wams, Kappe, Rock, alles für Männer. Der
Bettelvogt soll ‚den armen Lütten kain
Claider noch Häss mit inen in die Camer
hininlassen, besonder solen si es heraussen
abziehen' eb. XVI/eb. 227. ‚Dass sich das
Tochterlin von ihme wunde uss dem Häss und
im Unterhemtlin entluffe' Lk/B. 1, 1175.
‚Wifling und linen Häss' "Kissl. Rodel
34"/Aug. 222. ‚Wer weschet ob dem Brunnen
und die Windel oder Häss uff die Kiemer
legt, Pön 6 Pfund' SpNuspl. 1528/Al. 14270.
Pl. ‚die Häss' Chf. 278a, 638. S. a.
Bauern-, Laien-, Klag-, Weiber-Häss; ‚in
PfafenHesen' Bi. XVI/Al. 17, 104; Nachtr. zu
Bd. 1, 1001. - Mod. allgem. südl. von
(incl.) Enz MrbPleid. Wz. EwJagstz., bis in
die Schweiz, aber els. unbezeugt, nach O.
bis OA. Ner. Aug. Kfb. Tri.; ö davon
Gewand I, ebenso, wie es scheint, im NW.
n. der Enz; s.a. Gehäss. Vgl. Journ. 1789,
8, 168. Fulda 152. Klein 1, 194, Schm. 263.
Heimg. 1886, 31. Oab.Bal. 145, Tu. 158, Ulm
1, 450. Bm. 1, 37. Aug. 222. Aurb. 1, 304.
O.P. 1784, 2, 150. Reis. 2, 708. - Häss
bedeutet mod. den gesammten Anzug;
specieller: Fest-, Feiertag-, Sonntag-,
Werktag-Häss, dafür auch das
Häss gen F., S., W.;
Schlechtzeiten-Häss für
Mittelfeste; Doten-, Heb-,
Konfirmier-Häss; lang Häss Weibsbild
WsMühlh.; Betthäss Bettleinwand. S.
diese Composs. Die Sprache der Gebildeten
verwendet Häss höchstens scherzh.
oder verächtl.; daher: Sie trägt Kleider
von einer sich städtisch kleidenden,
opp. Häss bäurisch Bal. Ich habe
kein Häss., z. B. um an einer
Festlichkeit teilnehmen zu können. Er,
sie hat ein schönes, sauberes, neues,
dreckiges Häss., viel Häss. Usw.
"Kleider, auch leinen Zeug" TuBaar 1787. Da
es bei der Nennung der Gewandung in concreto
zumeist auf das nach aussen sichtbare
ankommt, so kann in manchen Wendungen und
Fällen Häss nur das Obergewand, etwa
bloss den Männerrock zu bezeichnen scheinen:
totum pro parte. So etwa: das Häss
anlegen, anschläufen, anziehen; herabtun.
Gib mir mein Häss, dass ich
mich einschläufen kann
kann nur jemand sagen, der die Unterkleider
schon an hat. ‚Du holst mir en Zwerchsack
und mein Häss, ih gang noo glei'
Neffl. 148. Aber auch bloss im Häss
TüPfrond. - Bes. Wendungen. Häss geben
Sohn oder Tochter aussteuern Ndl./Aug. 222.
Das Häss macht (die)
Leute "Kleider machen Leute",
verbr. Man kann nirgends mehr ersparen
als am Häss und am G'fräss HerPolter./So
spr. 804. Für's Häss und für's Gefräss
dienen ohne Lohn, gegen Kost
und Kleidung Goe. Wenn ich
net ässe Und bräuchte
kein Häss Und könnte
schön singen, Wegen
`m Schaffen bräuchte
ich mich net zu
verdingen. OA.Bal. Häss
und Wände Verdeckent
viel Elend (Hinter Häss und Wänden Steckt
v.E.) Reis. 2, 605. Wer
alles an's Häss henkt,
ist ein Tor eb. Ein
Narr braucht ein
narretes Häss SonthHind./eb.
619. Dem faulet das Häss am
Leib SuBinsd. Er (Sie) het ein
Häss an (Sein, ihr
Häss ist verrissen), 7 Katzen
täten keine Maus drin
fangen (finden)
verbr. Wer sein Häss kann
selber flicken, Braucht's net
erst zum Schneider zu schicken
UlmLang. Ein Magerer, Abgemagerter fällt
(ganz, recht) aus'm Häss, steckt (hangt) nur
so im Häss verbr., vgl. Ukbl. 1, 45.
Einunordentlich angezogener hanget im
Häss wie ein Jauner (o.O.).
Er ist net so dumm (wie er aussieht), er
hat bloss das Häss dumm an
verbr., s. Bd. 2, 452. Zweierlei Häss an
haben Zuchthäusler sein SaHaid. So spr.
805; vgl. Tuch 1. -
Mhd. hâz m. (s.a.o.), hæze n.,
Lex. 1, 1197; Nachtr. 230; ahd. nicht; ags.
hœteru Kleider. Unser Gebiet ist das
Hauptgebiet des Wortes; von den Composs. ist
nur 1/6 auch auswärts, 1/13 im jetzigen
Dialekt auswärtig bezeugt. - Sch.O. 665. B.
1, 1175. Schöpf 247. Swz. 2, 1678. Els. 1,
380 †.
Schmidt Els. 170 †.
Schwäb.
Wb. VI, 2116:
Nachtrag zu Häss: Häss scheint an
Gebiet einzubüssen; mancherorts (so LnElt.)
ist es nur noch bei ganz alten Leuten
üblich. LnFlacht kennt es, ungebräuchlich
LuGeis. - Da fall' ich aus'm
Häss! Ausruf der Verwunderung.
Überraschung LnFlacht TüDussl. Zu Kindern,
die fragen, was sie tun sollen: 's Häss
'rab tun und drauf
s'rum warglen! Aug.
Zweierlei Häss anhaben
Insasse der Verbesserungsanstalt Ln sein
LnUmg. |
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Schweizerisches
Idiotikon/Wörterbuch der schweizerdeutschen
Sprache II, 1678:
Hääs(s) Ap; Gl; Gr; G; S; Th; Uw,
Hēs
GO., Sa., Gehääs(s) AaBb., Z., Gl;
GRh.; Sch; Th; nZ,
G'hēs
ZElgg - n., Dim. Hässi GrSch.: 1. coll.,
allerlei Kleidung- und Bettstücke,
Tischzeug; Wäsche, bes. auch Weisszeug
("weisses H.") AaBb., Z.; Ap; Gr; vgl. das
Syn. Plunder. Spec. und vorwiegend:
gesammter Anzug, Kleidung Aa; Ap; Gl; Gr; G;
Sch; Th; Uw; Z. An manchen Orten nur noch in
Zss. erhalten, so z. B. H.-Lus. Schueh
ond H., die ganze Kleidung Ap
(formelhaft); Syn. en Anleggete
H. En anders H. anleggen,
sich umkleiden Ap. Hunderen
hätten wer g'nuog, aber keis
Hässi GrSch. E wüests, wäächs
[schönes] H. anhan.
Guet im H.
sīn, ordentlich
gekleidet GrD. Us dem H. fallen,
g'hīen, abmagern Ap
Gr;; G. 's H. hanged ga noch
an-em wie am-enen Zunstecken
Ap. Jmd. den letzte Fetzen
H. ab-em Līb gėn Gr.
Du hest ja nu zwei anleggendi
Häässleni [die du noch anziehen, tragen
kannst] GrPr. (Schwzd.).
Alli Jōr e H.,
isch nit viel H. (var. Chäs);
aber alli
Jōr e Ching [Kind],
isch glī vil
Ching S (Schild; vgl. 1866, 84).
‚Möcht der bannwart einem ichzit
abgebrechen, es wäre sein häss oder ander
ding, den er nachts [frevelnd im Weinberg]
begreiget, das ist des bannwarts.' 1444,
AaLauf.Stadtr. ‚Unkosten mit dem sattel und
dem kess.' 1528, HsStock. [von den
Zurüstungen auf einer Reise]. ‚[Eine nackte
Wiedertäuferin bittet] wann [man] well ir
höss anlichen.' Kessl. ‚Der nachrichter soll
[der Deliquentin] das hess ufheben und sy
mit rueten schwingen.' 1540, Sch Ratsprot.
‚[Der Gefangene] war nackend, weil das Häss
an jm verfault ist.' 1653, GrArch. ‚Hes,
Gehäs, Gewand, Kleider.' Red. 1662. S. noch
Häss-Fall. Mit Einschränkung:
Frauenkleidung ThMamm.; dagegen:
Männerkleidung GRh. Werktags-Kleid, im Gegs.
zum Gerust, dem
Sonntagsanzug ThTäg. - 2. einzelnes
Kleidungsstück Ap; G; Uw. Bes.: Rock und
zwar sowohl Frauen- wie kurzer Männerrock
GrChur, D., Pr. Oberkleid: ‚Es soll ein
ieklich mann und knab ieklich hess, das er
obenan tragen will, als lang machen, dass es
jm unz an die knü abschlach.' 1371, Lauff.
Beitr. So auch GBurgau, Gebh. Offn. (s.
‚Häss' bei Gr. WB.). |
Vorarlb. Wb. I, 1329:
Häss hēs(s)
(Hptgb), -ē-
(Mont.); ohne Pl., nur vereinz. -ər
n.: Gesamtheit der Bekleidung zum
Unterschied von einzelnen Stücken
(allg.); auch Bettwäsche; s. Betthäss.
- Sie hat kein H., zB.
für bestimmte Anlässe; sie henkt alles
an 's H., gibt alles für
Kleidung aus; aus dem
H. fallen, abmagern, zB.
durch Krankheit; ein Abgemagerter
hanget im H.; er ist guet im H., gut
gekleidet (allg.). 's H. an der Wand
verdeckt viel Elend (Dornb.). - Mhd.
hæze n., Rock, Kleidung; mhd.
hâz m. ist nicht vorhanden. - Fi. 3,
1219; 6, 2116; Id. 2, 1678. -
>Häss~aufhenker< m.: Kleiderhaken
(allg.). - >~bürste< f.: Kleiderbürste
(allg.). - Fi. 3, 1222.
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Andreas Schmeller,
Bayerisches Wörterbuch, 2. Aufl. I, 1176:
Das Hæß (Hés,
Hèəs, Hess), das Gehæß (Ghèəs),
das Hæßlein (Héslé),
(schwäb., Schwangau) die Kleidung; (mhd.
der hâz, das hæze, hæz; BM. I, 642f.
Grimm III, 451. Zeitschr. IV, 329,19.
VI, 119,31.
257. Cf. isl.
háttr, mos costume;
hatte, capitium
muliebre; Kilian. Diefenbach 97b).
Sunntag-, Werktag-, Hés. "Mei~
Vierfesthääs", Weitzmann
III, 108. 112. Bétthés, Bettüberzug.
Tod- und Heßfälle kommen im Ldgr.
Schongau als Gerichtseinnahmen vor;
Hazzi, Statist. II, 121. "Das Best-Häß;"
Mimschweiler Weisthum. "Wenn jemand
stirbt, soll dessen beste Hees der
Grundherrschaft anheim fallen";
Björnståhl's Briefe über seine Reisen v.
1774, deutsche Uebersetz. v. 1782, Bnd.
V, S. 197. "Die Nonne (sich einbreisend)
wurt enmitten so clain und stet ir das
häß so rain und als ir gewand man
umbvieng sie mit der hand . . . hette
sie ir einbreisen gelaßen mit ir engen
häßen, sie wär noch kewsch und rein";
des Teufels Segi, vrgl. Barack 162,
5097
ff. Anm. u. 5111. "So si (die
Geistlichen) gand als die laien und
tanzend raien in weltlichem häß und
ludran und gefräß"; das., Barack 157,
4932
(liest "has"). "Jegliche wil ze fordrost
stan, es sig ze kilchen oder zuo straß,
in rem schamberlichem haß"; das., Barack
384, 12095.
"Lauß nit onderwegen, du kerest das
hinder herfur an dem häß, das rat ich
dir"; Cgm. 270, f.
174a. "Nim hin guet
heß an deinen leib";
Cgm. 249, f. 144b.
"Das wib das sprach zu irem man mir ist
so we das sag ich dir stand uf bald und
hilfe mir und teck mir über als min häs
ob ich möchte komen zu ainem schwais";
Jörg Zobel (1455),
Cgm. 568, f. 258. "Der Gäste Häß
und Rat", Scheirer Dienstorb. v. 1500,
f. 13. "Er (der Pfarrer zu Leutkirch)
hab ein Töchterlin genöth und mißhandelt
daß sich das tochterlin von ihme wunde
uß dem häß und im Unterhemtlin
entluffe";
Schelhorniana 21, f. 15.
"Aberûmen der alten sunden heze,"
Diutiska II, 135, (im Reim auf freze,
reze, ungemeze). Vergl. angelsächs: Mid
his hätron, cum
vestitu suo, Se hund totaer his
haeteru, canis
dilaceravit vestitum ejus.
anhæßen, aushæßen (a~-,
àushèəsə~), an-,
auskleiden. Horneck
cap. 700 hat enkesen für sich
entkleiden. "Biz er sich engeste", Diut.
I, 351; (gehört zu "Gast"; s. BM. I,
487). Ebenda II, 245 heißt es von
Johannes in der Wüste: "Er macht im
selber einen haz (Reim auf az und frâz)
von kembeltieren hüten." Hier wäre das
Wort ein Mascul. Vrgl. auch
"Leinhösler." Wäre das spanische
hato etwa ein
gothischer Rest? (s. dagegen Diezm,
Wbch. I, 500).
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Für Ergänzungen und weitere
Hinweise mit Angabe der Quellen bin ich immer
dankbar.
Zruck
zue "Unser Sprooch"
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