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Dr. Rudolf Post
Leiter des Badischen
Wörterbuchs, Uni
Freiburg, von
1998-2009
Der Sidian
Im deutschen Südwesten, also in der Pfalz,
Südhessen, Baden, Schwaben, im Elsass und der
Schweiz kann man hin und wieder das Wort Sidian
hören. Meist werden damit durchtriebene, raffinierte
aber auch freche, nichtsnutzige, bösartige Menschen
tituliert, wobei bei den Sprechern eine teils
scheltende aber nicht selten auch eine durchaus
anerkennende Beurteilung mitschwingen kann. Typische
Verwendungen wären: Du Sidian! Das isch en
rechter Sidian. Dazu existieren
Zusammensetzungen wie Herrgottsidian,
Herrschaftssidian oder Sidiansteufel. Bei
manchen Benutzern wird eine Beziehung zu Satan
hergestellt. Doch die gute Bezeugung mit dazu
unvereinbaren Lautungen verbietet eine Herleitung
aus Satan. Woher kommt nun aber dieses Wort?
Der früheste Beleg, den ich bisher gefunden habe,
findet sich in dem Werk "Rheinschwäbisch" von Ludwig
Eichrodt [Mundart der Karlsruher Gegend, 1. Aufl.
1868, S. 42]. Dort heißt es: Wart nor
Kehndeitsch! Du Sidion, du! Gehscht wegg do vornde!
Auch das Schwäbische und Schweizerdeutsche
Wörterbuch melden Belege aus dem 19. Jahrhundert.
Als Herkunft von Sidian wird in den meisten
Dialektwörterbüchern, wenn auch bisweilen fragend,
das französische citoyen 'Bürger' angesehen,
eine Deutung, die vieles für sich hat und der auch
ich zustimme, solange noch keine bessere gefunden
werden kann. Wie aber ist die Bedeutungsentwicklung
von 'Bürger' zu 'durchtriebenem, frechem,
nichstnutzigen Kerl' zu erklären. Dazu ist
festzustellen, dass das Wort citoyen in
Frankreich im Zusammenhang mit der französischen
Revolution eine große Rolle gespielt hat. Nachdem
der Adel und die verschiedenen Stände abgeschafft
waren, war der einzige Titel, der dem freien und
gleichen Franzosen zustand, der citoyen
'Bürger' und er galt überall als Anrede. Das
selbstbewußte und anmaßende Gebaren dieser
citoyens, das ja bald in eine
Schreckensherrschaft führte, muss von den Deutschen,
die in den Kontakt mit den französischen
Revolutionären und Revolutionstruppen kamen, doch
etwas befremdlich wahrgenommen worden sein. Wer
Kirchen ausplündert, Geistliche malträtiert oder
Adelige köpft, kann schon mal als verwegener
Teufelskerl betrachtet werden. Möglich wäre eine
solche Deutung. Und dass das französische Wort
citoyen im deutschen Mund zu Sidian
umgeformt wurde, spricht nicht gegen eine solche
Herleitung.
Belege zu Sidian
aus den einschlägigen Dialektwörterbüchern. Sie
wurden von Anna Herb abgeschrieben - herzlichen
Dank!
(Bestimmte Sonderzeichen
aus den Originalen, können im Folgenden u. U.
nicht dargestellt werden).
Badisches Wörterbuch
(aus dem noch unpublizierten Material):
Sidian sidian ›Karlsr., Pforzhm,
Bühl (Rast.), Ottersw., Achern,
Kappelrodeck, Urloffen, Endgn, Bötzgn, St.
Georgen (Freib.), Sunthsn, Ehrenstet.,
Singen a. H., Radolfz., 1895 Altenschwand‹;
sidjan ›Werthm‹;
sidiān
›Steinen‹;
sidjān ›Konst.‹; sidiōn
›Emmendgn‹;
sīdian ›Hochstet. (Link.),
Appenw., Tribg, Sulzburg, Neuenburg a. Rh.‹;
sīdiān
›Pülfrgn, Lahr, Etthm‹;
sīdiān
1932 ›Gengenb.‹;
sīdijan
›Vimbuch‹;
sīdijān ›O.scheffl.‹;
sīdjān
›Tauberbisch.‹;
sīdjan
›Kenzgn‹; siədian ›Schutterwald,
Hofw., Sunthsn, Feldbg‹;
sīədian
›Neusatz, Wehr‹;
sīədjān
›Rheinbisch.‹;
sīədjon
›Kappelwi.‹; siədion ›Nesselrd‹;
siədjōn
›Bühlert.‹; sedian ›Münchw.‹;
südian ›Hirschlanden‹;
südiān
›Hettgn‹; Pl.: sidiane ›Albrecht‹ hs.
u. ö. — m.: ‚durchtriebener, böser Mensch,
Strolch, Satansbraten‘, teils anerkennend,
meist aber als Schimpfwort, auch für Tiere
(›Hirschlanden‹) oder scherzhaft für heißen
Kaffee (›Neusatz‹), gebraucht ›Platz 262,
Roedder Vspr. 527, Karlsr./Bad. Heim. 1916,
54, Wagner 184, Achern, Bühl (Rast.)/ZfdMu.
1913, 362, Burkart 247, R. Baumann 96, Bayer
62, G. Maier 158, Urloffen/Ochs-Festschr.
265, Kenzgn/ZfhdMu. 1902, 94, Braunstein
Raa. 33, Schwendemann Ort. 1, 36, Fleig 134,
Baum Huus 64, Feldbg/Markgr. 1971, 149,
Glattes 46, Meis. VW. 37, Schäuble Wehr 70,
Hegau/Der Hohentw. 1924, 73, Ellenbast 66,
Joos 98‹; du Sidion du! ›Eichrodt‹
42; du roter
sīdian ›Neuenburg‹; 1932
den rōdə sīdiān
hāwi gfrsə ‚der ist mir äußerst
zuwider‘ ›Gengenb.‹; das iš en rechter
Sidian "ein Kerl, der etwas besonderes
kann, dem alles wider Erwarten gelingt, vor
dem man aber auch auf der Hut sein muss" St.
Georgen (Freib.); do, luege, mit derlei
Züg's het 'r sie v'rgift, d'r Sidian
›Ganther Stechp.‹ 133; Jetz isch's
nadürlig ... hinder dia Sidiane gange ...
‚nun hat man den Bösewichten versucht
habhaft zu werden‘ ›eb.‹ 23. — Wohl zu frz.
citoyen ‚Bürger‘, im Zusammenhang mit
den Geschehnissen der französischen
Revolution entlehnt. Die diphthongierten
Formen wurden möglicherweise durch
volksetymologische Anlehnung an Worte wie
bedeutungsgleichem Siech oder
sieden im Sinne von ‚hitzig aufbrausen‘
gebildet. — Weiteres gespenstig; vgl.
Heiland-, Herrgott-, Herrschaftssidian;
vgl. Kaib, Satan, Siech. —
Els. 2, 327; Fischer
5, 1392; Pfälz. 6, 92; Schweiz. 7, 309;
Südhess. 5, 1015. |
Elsässisches
Wörterbuch Band 2, 327
Sidian, ›Sedian‹ [Sitiàn Str.;
Sétiàn Ndhsn.] m. (meist in Verb.
mit dumm, einfältig oder lang
Str.); schlimmer Mensch: Ihr
sind alli zesammen
growi Sediane! Ndhsn. — ob = franz.
citoyen? |
Pfälzisches Wörterbuch
Band 6, 92
Sidian m.: ‘(frecher) Kerl, Mensch’,
meist abschätzig, Sidian (d’sidiān)
[Kaislt], Sittjann [KÜHN Hamet 138];
e langleibiger S. ‘ein
hochaufgeschossener Mensch’ [Kaislt]. Die
Kränk, wann de es net uff de Schdell
duhscht, du Sittjan, du nixnutziger!
[PfPr. 21.12.1932]. — Wohl aus frz. citoyen
‘Bürger’. — Els. II 327; Schwäb. V 1392;
Schweiz. VII 309/10. |
Schwäbisches
Wörterbuch Band 5, 1392
Sídian m.: Schelte Eh.; elender
Mensch eb. Kluger Kerl Buck, zugleich in der
Kurzform ›Sidi‹. Eitler, Rechthaberischer
EwWöss. — Auch weiter
w. (Rastatt, Pfalz, Els. 2, 327) u. s. (Swz.
7, 309). Scheint wesentlich iron.-parod.
gebraucht; dadurch und durch die ggr. Verbr.
wird die Ableitung aus frz. citoyen
wahrsch., offenbar seit der frz. Revol.
eingedrungen. Doch auch Nebenform
Silianus, s.d. |
Schweiz. Wb. Band 7,
309
Sidian (Sĭdiān
Ap; Sch; Th; Z. Sīdjan
S, für BsStdt einmal Sidean geschr.)
m., Pl. Sídiānen
Ap; Th; Z: Schimpf- und Scheltw. Bs; B; S
(nach Hänggi für unartige Knaben), insbes.
durchtriebener, abgefeimter, verfluchter
Kerl (verwünschend, aber auch anerkennend)
Aa; Ap; B; GWl., We.; Sch; Th; Z,
verleumderischer, boshafter Mensch Bs; Z,
Trunkenbold, Strolch, schlechter Kerl Bs.
Vgl. Siech (Sp. 194/6), Satan. Du
S.! halb zornige, halb scherzhafte
Schelte BE. Dër weiss d’ Sach
anz’stellen. Bränd. 1904. Das isch en
S.! Aa; S, auch en Sidians-Cheib!
Th. Die Galgen-Chogen-Güeterjuden
söltt-men gär nümmer
in’s Dorf inen lon;
men chönnt fast mō2nen,
die Sidianen schmeckind’s,
wenn nō2men
en arms Bǖrli in der
Chrott ist. GOtt 1895, Enn von
den bösesten Sidianen
ist schon der Abt Cuno g’sēn.
Schweizerm. 1891 (Ap). Wie en S., =
wie en Siech (Sp. 196). Der Bach
... hed g’rūschet
und getōset
wie en S. GFient 1898.
Auch bei Martin-Lienh. II 327, wo (wie von
einem unserer S Gewährsmänner) wohl mit
Recht frz. citoyen als Ursprung des
W. vermutet wird. Vgl. Silian. |
Südhessisches
Wörterbuch Band 5, 1015
Sidian m. sidjān
Er-Hess: (euphemist.) Teufel. Syn.
Sidians-teufel; weitere → Teufel 1.
— Sidians-teufel m. sidjānsdaifl
Er-Hess: dass. — franz. citoyen. —
Pfälz. 6, 92. Fischer 5, 1392. Els. 2, 327.
Schweiz. 7, 309. |
Für Ergänzungen und weitere
Hinweise mit Angabe der Quellen bin ich immer
dankbar.
Zruck
zue "Unser Sprooch"
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