Dr. Rudolf Post
Leiter des Badischen Wörterbuchs, Uni Freiburg, von
1998-2009
Badener-Badenser
Zum Streit um
die korrekte Benennung der Einwohner Badens
1. Das Problem
Lässt man die Bezeichnungen aus
schriftlichen und mündlichen Quellen für die Bewohner
Badens Revue passieren, so findet man eine stattliche
Anzahl von Varianten. Neben der heute dominierenden
Bezeichnung Badener finden sich: Badner,
Bademer, Badische, Badnische, Badenische, Bademische
und Badénser. Um die letztgenannte Bezeichnung
bricht immer wieder Streit aus, obwohl sie seit
Jahrhunderten eingeführt ist und auch in Wörterbüchern
der deutschen Gegenwartssprache als gleichberechtigt
neben Badener genannt wird. Seit der ersten
Hälfte des 20. Jahrhunderts mehren sich die Stimmen aus
badischem Munde, die in der Zuschreibung Badenser
einen Affront, wenn nicht gar eine Beleidigung sehen
wollen. Manche Äußerungen von dieser Seite sind dabei so
schroff und verbiestert, dass man nicht glauben sollte,
dass sie aus Baden stammen, einem Landstrich der sonst
wegen seiner Gelassenheit und Toleranz gerühmt wird. In
Baden, so sagt man, gelte der Spruch "Leben und
Lebenlassen". Die Gegener führen als Argument gegen das
in ihren Augen falsche Badenser immer wieder an,
es gebe ja auch keine Frankfurtser oder
Heilbronnser. So soll der nordbadische
CDU-Abgeordnete Franz Gurk 1954 einen besonders dreisten
Redner im Landtag gewarnt haben, er werde ihn demnächst
als Heilbronnser bezeichnen (aus dem Internet -
dort ohne überprüfbare Quellenagabe). Immerhin ist diese
Entgegnung schlagfertig. Dennoch kann diese lustige
Analogiebildung sprachlich nicht als überzeugend gelten.
Denn ebensogut könnte jemand die Bezeichnung Badener
ad absurdum führen, weil es ja auch keine
Hessener, Thüringener, Sachsener, Bayerner oder
Schwabener gebe. Wollte sich Baden mit
Sachsen oder Schwaben in dieser Hinsicht
vergleichen, so müsste ein Einwohner Badens ein Bade,
eine Einwohnerin eine Bädin und die Einwohner
die Baden genannt werden.
Es lohnt sich also, in dieser
Frage genauer hinzuschauen, denn im Deutschen sind
Einwohner- oder Herkunftsbezeichnungen, die von
geographischen Begriffen abgeleitet wurden, ziemlich
komplex, denn es spielen die lautliche Umgebung
(Wortausgang), die Flexion, die Wortgeschichte aber auch
zufällige historische Entwicklungen eine Rolle.
2. Die sprachliche Herkunft von
Baden und mögliche Ableitungen
Wie eben dargestellt, kann die
Einwohnerbezeichnung im Falle Baden nicht nach
dem Muster von Hessen, Sachsen, Bayern, Schwaben
usw. erfolgen. Bei letzteren ist der Ländername aus
Stammesnamen entstanden, also die Bevölkerung hat den
Namen auf die von ihnen bewohnten Gebiete übertragen.
Bei Baden ist es anders. Hier steht am Anfang ein
Örtlichkeitsname (wie auch bei der Landschaft Baden
im Aargau in der Schweiz), nämlich ein alter Dativ
Plural von Bad, etwa ze den Baden ‚zu/bei
den Bädern‘. Benannt wurde damit ein Ort mit
Heilquellen an der Oos, der schon in der Antike ab
Aquis, civitas Aquensis genannt wurde, alles
Bezeichnungen, welche auf die Heilquellen und den
antiken Badebetrieb abheben. Oberhalb dieser Bäder
entstand eine Burg, die namengebend für ein
Adelsgeschlecht wurde, aus dem die Markgrafschaft und
das spätere Großherzogtum Baden hervorging. Der
urspüngliche Ortsname Baden musste später, um
Verwechslungen zu vermeiden, Baden-Baden (früher
Markgrafen-Baden) genannt werden, was soviel
heißt wie Baden in der Markgrafschaft Baden.
Die Bezeichnung Baden ist also kein alter
Stammesname sondern ein Name, der aus einem flektierten
Appellativ hervorgegangen ist. Für Ableitungen aus
solchen Namen, die auf -en auslauten, gibt es im
Deutschen mehrere Möglichkeiten.
1) Anhängen von -er direkt
an den Wortstamm, z. B.: Zweibrücken (entstanden
aus: zu den zwei(en) Brücken ‚Ort wo zwei Brücken
über den Schwarzbach führen‘) > Zweibrücker.
Diese Bildungsweise ist bei allen auf flektierte Formen
zurückgehenden geographischen Namen die Regel, wie bei
Namen auf -ingen, -kirchen, -hausen-, -bergen, -hagen
usw. und wäre theoretisch auch bei Baden
möglich, doch die so gewonnene Ableitung Bader
würde mit dem Wort Bader ‚Badknecht, Barbier‘
kollidieren und ist daher auch nie als
Einwohnerbezeichnung für unser Land verwendet worden.
2) Anhängen von -ner direkt
an den Wortstamm, z. B.: München (entstanden aus:
bei den München (Mönchen)) > Münchner.
Dies ergäbe in unserem Fall Badner, eine Form die
heute weniger als früher bezeugt ist, jedoch z. B. im
Badner Lied die Normalform ist (Badner Land, ein
Badner möcht ich sein). Bei dieser Bildungsweise ist
es jedoch wahrscheinlich, wie andere Beispiele vom Typ
Dresdner, Basler, Zürcher plausibel machen, sie
generell als Verkürzung von Badener zu Badner
zu erklären. Somit gehörte dieser Fall zum nächsten:
3) Anhängen von -er an das
gesamte Wort, z. B.: Gießen > Gießener. Diese
Ableitung führt zu der heute gebräuchlichsten Bildung
Badener, die schon in der Badischen
Verfassung von 1818 verwendet wird (Abschnitt II
Rechte der Badener § 7-8); es ist aber anfangs keine
im Volk geläufige Bildung (Bad. Wb. I 107).
4) Eine Sonderform zu 3) ist die
im badischen Volksmund sehr häufige Form Bademer,
die einerseits für die Bewohner von Baden-Baden,
andererseits aber für die Bewohner von Baden generell
gilt. Die Form geht ursprünglich auf Ableitungen von
-heim-Namen zurück, z. B. Mannemer
‚Mannheimer‘, Ettemer 'Ettenheimer', wird aber
auch bei anderen Namen produktiv: z. B.: Husemer
‚Hausener‘ (z. B.: J. P. Hebel: De Husemer Chnabe),
Speyermer ‚aus Speyer‘, Stettemer ‚aus
Stetten‘ usw. In der Badischen Wochenschrift 1806 Nr. 17
wird die Form Bademer als mundartlich verbreitete
Form (in der Pfalz) angegeben. August Ganther, der
Mundartdichter aus dem Renchtal, spricht in seinen
"Stechpalmen" (1900, S. 63) von einem Bade-Bademer.
Auch in der Landschaft Baden im Aargau ist diese
Bildungsweise belegt, die dortigen Bewohner können als
Baademer bezeichnet werden (Heinrich Meng:
Mundartwörterbuch der Landschaft Baden im Aargau, Baden
1986, S. 139).
5) Ableitung mit -ische am
Wortstamm; dies ist eine allgemeine Adjektivableitung
die u. a. auch die Herkunft aus einem Land anzeigen
kann, z. B. Preußische, Böhmische, Östereichische.
In älteren Texten kann man z. B. lesen: wir sind
Badische (Bad. Wochenschrift 1807, S. 109)
oder eusi Badische ‚unsere Badischen (Soldaten)‘
(1832, nach Bad. Wb. I, 107); eine Unterdifferenzierung
gab es nach der Erweiterung Badens am Anfang des 19.
Jahrhunderts, als man von Alt- und
Neubadischen sprach.
6) Die Ableitungen Badnische,
Badenische, Bademische können als Ableitungen mit
-isch am gesamten Wort betrachtet werden. Sie
tauchen gelegentlich in früheren Texten auf, sind aber
heute kaum noch gebräuchlich. Immerhin ist die Ableitung
bademisch schon 1618 bei dem schwäbischen
Barockdichter Weckherlin bezeugt, der von bademischen
Nymfen spricht (nach Zeitschr. für dt. Wortforschung
1. 1901, S. 366, dieselbe Stelle Weckherlins im
Grimmschen Wörterbuch Band I, 1073 heißt fälschlich
badenisch). Goethe verwendet in seinen Briefen
abwechselnd badensch, badnisch und badisch.
3. Die Bezeichnung Badenser
- Herkunft und Belege
Waren die eben vorgestellten
Bildungen allesamt mit deutschen Wortbildungsmitteln
entstanden, so spielt bei dem Badenser die
lateinische Gelehrten- und Studentensprache mit hinein.
Vom 17. - 19. Jahrhundert begegnen uns in der
deutschsprachigen Literatur zahlreiche Bildungen von
Einwohnernamen die auf der lat. Ableitung -(i)ensis
beruhen, z. B.: Athenienser ‚Athener‘,
Carthaginenser ‚Karthager‘, Kretenser
‚Kreter‘ usw. aber auch für deutsche Städte wie
Hallenser (aus Halle), Jenenser (aus Jena),
Fuldenser (aus Fulda), Hamburgenser (aus
Hamburg), Bonnenser (aus Bonn). Genau in diese
Schublade ist auch Badenser zu stecken, das auf
urkundensprachlich-lateinisches badensis
zurückzuführen ist (z. B. comes badensis, dux
badensis u. ä., es handelt sich hier um haplologisch
verkürzte Formen aus badeniensis). Noch heute
begegnen solche Latinismen in der wissenschaftlichen
botanischen oder zoologischen Nomenklatur, die etwa
Pflanzen wie Poa badensis, Centaurea badensis
oder den Regenwurm Lumbricus badensis kennt.
Die frühesten Belege tauchen in der ersten Hälfte des
19. Jahrhunderts auf. Bekannt ist die Stelle in Goethes
"Dichtung und Wahrheit" (entstanden zwischen 1811-1833,
hier nach Hamburger Ausgabe, Band 10, S. 82), wo sich
Goethe und seine Begleitung wegen des mangelnden
Schutzes vor Nachdrucken in Deutschland und in Baden
bei einem besuchenden Badenser beklagten. Diese
Goethe-Stelle wird meist als frühester Beleg für
Badenser genannt. Er bezieht sich auf die Zeit um
1809, wenn auch die genannte Passage in "Dichtung und
Wahrheit" erst nach dem Tode Goethes im Jahr 1833
erschien. Nach den Varianten der Lesarten hatte Goethe
an dieser Stelle ursprünglich Badnischen
geschrieben. Auch in einem Brief vom Jahre 1828 äußert
er sich über die Herren Badenser. Noch etwas
früher datiert ist ein Beitrag "Bader oder
Badenser" in der Badischen Wochenschrift 1806, Nr.
16 (wieder abgedruckt in: Joh. Gottlieb Radlof:
Teutschkundliche Forschungen 1. 1825, S. 257-259).
Theodor Fontane (1819-1898)
berichtet in seinem Buch "Meine Kinderjahre"
(niedergeschrieben 1893) aus der Napoleonszeit: "Sah man
näher zu, so waren es meist Truppen aus den
Rheinbundstaaten, Hessen, Nassauer, Westfalen. An den
Odermündungen, speziell in Swinemünde, standen
Badenser, die sich gut nahmen und mit denen man
unter gegenseitigem Entgegenkommen auf vortrefflichem
Fuße lebte".
Als weiterer Literaturklassiker
der einen Beleg zusteuert, kann Gottfried Keller gelten,
der in seinen "Gesammelten Gedichten" (1883) im Gedicht
"Gegenüber" folgende Strophe bringt:
"Da rauscht das grüne Wogenband
Des Rheines Wald und Au' entlang:
Jenseits mein lieb Badenserland,
Und hier schon Schweizerfelsenhang."
Auch der Klassiker des deutschen
Sozialismus Friedrich Engels kennt Badenser. In
"Die deutsche Reichsverfassungskampagne" schreibt er:
"Ein rascher Marsch der Badenser nach Frankfurt
und der Pfälzer nach Trier hätte wahrscheinlich die
Wirkung gehabt, daß der Aufstand an der Mosel und in der
Eifel, in Nassau und den beiden Hessen sofort
losgebrochen wäre" (Marx/Engels Werke, Bd. 7, S. 131).
Und noch Karl May, schreibt in
seinem Fortsetzungsroman "Die Liebe des Ulanen", der
1883-1885 erschien und in der Zeit des Krieges 1870/71
handelt: "Der Preuße hat sich mit dem Dänen, dem
Österreicher, dem Bayer, Würtemberger und Badenser
gemessen und hat gesiegt".
Diese vier Zeugnisse für die
Verwendung von Badenser im 19. Jahrhundert,
stammen jedoch von Autoren nichtbadischer Herkunft. Im
Streit um die Verwendung von Badenser hört man ja
auch immer das Argument, dass nur Außenstehende diesen
Ausdruck gebrauchten, den aber ein Badener nie in den
Mund nehmen würde. Stimmt das wirklich? - Es lassen sich
Gegenbeispiele finden:
Im Freiburger Wochen- und
Unterhaltungsblatt vom 15. Februar 1831, S. 52 findert
sich ein Beitrag von einem A. M. mit der Überschrift:
"Sind wir Badenser, Badener oder Baden?" und der Autor
schreibt darin "Uebrigens nenne ich die Bewohner von
Baden Badner, wenngleich viele von Badensern
sprechen, was an Jenenser erinnert und undeutsch ist;
selbst viele Badner nennen sich so".
Walter Fröhlich hat in einer
Glosse im Singener Wochenblatt vom 9. Februar 2000, die
sich ebenfalls mit unserer Frage auseinandersetzt, auf
eine Publikation von 1848, die "Konstanzer
Freiheit-Chronik" von Schieber hingewiesen, in der die
Ereignisse des Hecker-Zuges beschrieben werden und in
der stets von Badensern die Rede ist.
Ende des 19. Jahrhunderts gab es
einen "Verein der Badenser in Berlin" (Zeitschr.
für Deutsche Wortforschung, 3. 1901, S. 102).
Das Schwäbische Wörterbuch von
Hermann Fischer schreibt in seinem 1. Band (erschienen
1904), Spalte 569: "Der Bewohner des Landes, der in
Baden selbst populär Badenser, seltener
(wenigstens bis jetzt) Badener heisst, wird bei
uns [in Schwaben] mit dem Adj. bezeichnet; bes. Pl.
die Badischen." Ähnliches berichtet das
Badische Wörterbuch (1925; Bd. I, 107), das aber
feststellt: "Badenser geht innerhalb des Landes
ständig zurück".
Dennoch findet man auch heute noch
Belege, die den Gebrauch des Wortes im 20. Jahrhundert
und darüber hinaus innerhalb Badens anzeigen. So
schreibt etwa Madeleine Fohrer in der "Sprachmonographie
von Altenheim in Baden" (1967) im Wörterbuchteil
bådansr = der Badenser. Und wenn man im Internet
recherchiert, wird man z. B. auf die Badenser
Käferschlenzer stoßen, ein seit 1987 tätiger Verein
aus Mittelbaden von Freunden des VW-Käfers, die sich
selbstverständlich als Badenser verstehen.
Auch der in Mannheim (Baden)
ansässige Duden-Verlag bucht in seiner aktuellen Auflage
des Großen Deutschen Wörterbuchs (10 Bände) Badenser
neben Badener ohne irgendeine Markierung, die
darauf hindeutete, dass beide nicht als synonym
nebeneinander gelten könnten. Auch wer das Textkorpus
des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim abfragt
(es enthält riesige Datenmengen, darunter auch viele
Zeitungen aus Deutschland, einschließlich Baden,
Österreich und der Schweiz), wird feststellen, dass das
Wort auch heute noch in Baden und außerhalb verwendet
wird. Man findet dort in durchaus ehrenhaften Kontexten
Belege für Badenser sowohl aus dem "Mannheimer
Morgen" wie dem "Züricher Tagesanzeiger" oder den
"Voralberger Nachrichten".
Die positive Verwendung geht auch
aus einem Artikel von Jörg Lau in der "ZEIT" Nr. 41, S.
6 vom 5. Oktober 2006 hervor, in der unter der
Überschrift "Wolfgang der Weise" sehr positiv über den
Innenminister Wolfgang Schäuble und die gerade
stattgefundene Islam-Konferenz berichtet wird. Man liest
dort: "Nach der ersten Sitzung der Deutschen
Islamkonferenz im Schloss Charlottenburg sprach der
Innnenminister Wolfgang Schäuble vorigen Mittwoch in gut
badensischer Bescheidenheit von »einem wirklich
guten Auftakt«".
Wie kommt es nun, daß manche in
Baden meinen, der Gebrauch von Badenser stelle
einen Affront gegen die Bevölkerung Badens dar?
Wer die obigen Textzeugnisse und
darüber hinaus andere aus den genannten Datenbanken
ansieht, wird feststellen, dass es keinen Hinweis gibt,
dass Badenser abschätzig oder verächtlich gemeint
ist. Im Gegenteil: Wenn Gottfried Keller mein lieb
Badenserland schreibt, so wollte er sicherlich nicht
die Einwohner Badens damit herabsetzen.
Wenn das Wort von den "Absendern"
nicht negativ gemeint ist, wie konnte es da bei den
"Empfängern" negativ empfunden werden?
Hierzu denke ich, gibt es zwei
Erklärungsstränge:
Der erste liegt in einer
übersteigerten Deutschtümelei, die alles was fremder
Herkunft ist, ablehnt. Und da Badenser, wie wir
oben gesehen haben, mit Einfluß der lateinischen Sprache
entstanden ist, wurde es als auszumerzende
Bastardbildung zurückgewiesen. Nur - wenn wir dies bei
allen Elementen der deutschen Sprache so machten, wir
könnten uns kaum noch ausdrücken.
Als zweite Erklärung könnte ein
gewisses badisches Minderwertigkeitsgefühl unterstellt
werden, das besonders im Kampf um den Südweststaat in
eine gewisse Bunker- und Schützengrabenmentalität
einmündete. Man sah sich in seiner badischen Sache von
allen Seiten bedroht. Und wenn Robert Albiez, der
Gründer der Badischen Volkspartei angeblich gesagt haben
soll "Nur unsere Gegner nannten uns Badenser" (aus dem
Internet - dort ohne überprüfbare Quellenangabe), so
illustriert diese Bemerkung deutlich den eingeschränkten
Blickwinkel: Weil einige Befürworter des Südweststaates
das Wort Badenser benutzten, muss das Wort
automatisch ein Schimpfwort sein.
Da sowohl in der Wortgeschichte,
wie auch nach Aufweis der heutigen Wörterbücher die
Bezeichnung Badenser objektiv keine negative
Konnotation aufweist, wären wir als Bewohner von Baden
schlecht beraten, wenn wir uns den Schuh anzögen und uns
an Kampagnen gegen die Verwendung dieser
jahrhundertealten und harmlosen Bezeichnung beteiligten.
Kein Hallenser oder Jenenser, kein
Weimeraner oder Hannoveraner käme auf die
Idee, diese Bezeichnungen als Affront zu empfinden.
Jeder kann sich ja selbst als Badener bezeichnen
und diese Form für sich favorisieren, wenn er aber
einmal anderswo Badenser hört, so sollte er die
vielgerühmte badische Gelassenheit und Toleranz unter
Beweis stellen.
4. Zusammenfassung
In der relativ jungen Geschichte
Badens kamen für die Einwohner dieses Landes
verschiedene Bezeichnungen auf. Alt und sehr
volkstümlich sind die Bezeichnungen Badische und
Bademer. Ebenfalls alt sind die gelegentlich
bezeugten Formen Badner, Badnische, Badenische,
Bademische, die im heutigen Gebrauch aber kaum noch
eine Rolle spielen. Die Bezeichnung Badener
hat sich über die Schrift- und Verwaltungssprache
(Badische Verfassung) in den letzten zwei Jahrhunderten
zur heute vorherrschenden Form entwickelt. Mindestens
genau so alt ist die Form Badenser, die in ihrer
Bildungsweise auf die lateinische Ableitung -(i)ensis
zurückzuführen ist. Sie stammt aus der Gelehrten-
und Studentensprache. Sie findet sich zahlreich in
literarischen Zeugnissen des 19. Jahrhunderts (u. a.
Goethe), ist aber auch noch bis in die Gegenwart
gebräuchlich. Innerhalb Badens ist der Gebrauch von
Badenser seit dem 20. Jahrhundert rückläufig und
wird von einigen Badenern sogar ärgerlich
zurückgewiesen, wofür es aber keine objektiven Gründe
gibt. Ich empfehle die Form Bademer in
mundartlichen Kontexten zu verwenden und die Form
Badener in standardsprachlichem Gebrauch.
Verwendete Literatur
(chronologisch geordnet):
Radlof, Johann Gottlieb:
Formung mehrerer, besonders rhein-pfälzischer Oerter-
und Landes-benennungen - 1) Bader, oder
Badenser? In: Teutschkundliche Forschungen. 1. 1825,
S. 256-259 (=Abdruck eines Beitrages aus der Badischen
Wochenschrift 1806, Nr. 16).
A. M.: Sind wir Badenser,
Badener oder Baden? In: Freiburger Wochen- und
Unterhaltungsblatt vom 15. Februar 1831, S. 52. (Replik
dazu von D. in der gleichen Zeitschrift vom 1. März
1831, S. 67-68.)
Kluge, Friedrich: Badener
oder Badenser? In: Zeitschrift für deutsche
Wortforschung. 1. 1901, S. 60-63. Nachtrag von Hermann
Fischer S. 366.
Albert, Peter P.: Badener
oder Badenser. ? In: Zeitschrift für deutsche
Wortforschung. 3. 1902, S. 102-105.
Kluge, Friedrich: Badener
oder Badenser? In: Wortforschung und Wortgeschichte.
Leipzig 1912, S. 93-99.
Vortisch, Christian M.:
Nachbarliche Reizwörter: Badenser. In: Das
Markgräflerland 1987, Heft 2, S. 181.
Leßner, Reinhard:
"Badenser" gibt's nicht. In: Badische Zeitung 28. 1.
1991.
Für Ergänzungen und weitere
Hinweise mit Angabe der Quellen bin ich immer
dankbar.
Zruck
zue "Unser Sprooch"