aus: Alemannisch dunkt
üs guet, Heft I/II 2001, S. 17-25
Alemannische – eine eigene Sprache?
Rudolf Post
Ob man die in der Überschrift gestellte Frage
bejahen oder verneinen muss, hängt davon ab, was man
unter „Sprache“ versteht. Versteht man darunter ein
normiertes System, das als National-, Amts- oder
Standardsprache mit einer festgelegten Orthographie und
einer schriftlich fixierten Grammatik in einem großen
Gebiet ohne nennenswerte regionale Unterschiede
gebraucht wird, so muss man die Frage wohl verneinen.
Versteht man „Sprache“ jedoch als System von Zeichen und
Regeln, das einer Gemeinschaft zur mündlichen
Verständigung dient, so ist Alemannisch unbedingt als
eigene Sprache zu betrachten. Denn das Alemannische hat
seine eigenen Sprachregeln, die sich in der Lautung, der
Wortbildung und der Syntax erkennen lassen. Außerdem
gibt es auch im Wortschatz typisch alemannische
Eigenheiten. Im Gegensatz zu einer National- oder
Standardsprache (z. B. dem Deutschen, Französischen,
Italienischen) sind beim Alemannischen die Verhältnisse
jedoch komplexer, denn das System der Regeln kann hier
von Ort zu Ort variieren. Das ist jedem bekannt, dass
man von Ort zu Ort ein immer etwas anders lautendes
Alemannisch spricht. Ja selbst in einem Ort können
wieder Unterschiede sein, denn oft redet z. B. die
ältere Generation anders als die jüngere. Man spricht
bei einer solchen Sprachwirklichkeit dann eher von
Mundart oder Dialekt. Trotzdem sind Mundarten bzw.
Dialekte eigene Sprachsysteme. Das man hier dennoch eher
von Mundart sprechen sollte, zeigt sich auch daran, dass
das Alemannische (wie natürlich auch das Bairische,
Fränkische usw.) zu der neuhochdeutschen Standardsprache
in einem bestimmten Verhältnis steht, denn alle diese
Varietäten befinden sich unter der „Überdachung“ des
Hochdeutschen, es sind also deutsche Mundarten.
Wenn im Folgenden gezeigt werden soll, dass das
Alemannische in vielen Bereichen als ein eigenständiges
Sprachsystem anzusehen ist, so kann man dies am besten
dadurch tun, dass man die gesetzmäßigen Unterschiede zu
den benachbarten Mundarten, aber auch besonders die
Unterschiede zur neuhochdeutschen Standardsprache
herausarbeitet. Dies kann hier nur in groben Zügen
geschehen, indem besonders auffällige und möglichst weit
verbreitete Eigenheiten herausgestellt werden. Dabei
konzentriere ich mich besonders auf das Alemannische im
Hebelschen Sinn, also Südbaden, während die Verhältnisse
im Elsässischen, Schwäbischen, Schweizerischen und
Vorarlbergischen nur am Rande mitverfolgt werden. Dabei
sollen Beispiele aus allen sprachlichen Ebenen
berücksichtigt werden, also aus dem Gebiet der
Lautlehre, Formenlehre, der Syntax (Satzbau) und dem
Wortschatz.
Etwas zur
Lautlehre des Alemannischen
Schon bei der Darstellung zur Raumgliederung des
Alemannischen in diesem Heft wurden Sprachlinien und
sprachliche Eigenschaften dargestellt, die das
Alemannische und seine Teilgebiete gliedern. Besonders
markante Besonderheiten gegenüber dem Neuhochdeutschen
sind die dort unter den Bezeichnungen „neuhochdeutsche
Diphthongierung“ und „Monophthongierung“ genannten
Eigenheiten, denn das Alemannische hat hier noch den
älteren Lautstand. Also Wii, bliibe, Iis, Huus,
bruche, uf sowie guet, Brueder, Huet, liäb,
Liächt usw.
Signifikant ist auch die konsequente Aussprache von
altem st als scht und von sp als
schp. Anders als in der Standardsprache, in der
st und sp nur im Anlaut als scht, schp
gesprochen werden (Stein, stehen - Speck, spitz),
hat das Alemannische diese Laute auch im In- und Auslaut
verschoben: Fenschter ‚Fenster‘, fescht
‚fest‘, Schweschter ‚Schwester‘ - Veschper
‚Vesper‘, Knoschp(e) ‚Knospe‘, Haschple
‚Haspel‘.
Üüseri Schwöschter
kriägt öppes Chlais
Auch die sogenannte Entrundung ist
(bis auf das Gebiet am Hochrhein) auffällig. Man
versteht darunter, dass Laute, die ursprünglich mit
gerundeten Lippen gesprochen wurden (ö, ü) nun
mit ungerundeten Lippen als e, i artikuliert
werden: Lecher ‚Löcher‘, Veegl ‚Vögel‘,
Bliämli ‚Blümlein‘, neetig ‚nötig‘ usw. Der
Südrand hat - wie Johann Peter Hebel - jedoch alle
Rundungsvokale. Hier ist es sogar so, das noch mehr
gerundet wird: öppes ‚etwas‘, Öpfel
‚Äpfel‘, Schwöschter ‚Schwester‘, Üül
‚Eule‘, üüs ‚uns‘, nüt ‚nichts‘ u. a.
Zur besseren Aussprache, kann im Alemannischen zwischen
einem Wort, das mit Vokal endet und dem folgenden, das
mit Vokal anfängt ein -n- eingeschoben werden.
Dies wird von der Fachwissenschaft als „hiatustilgendes
n“ bezeichnet. Beispiele wären: wo-n-i ‚wo
ich‘, bi-n-iis ‚bei uns‘, zue-n-em ‚zu
ihm‘, wiä-n-i ‚wie ich‘.
Zur Formenlehre
und Syntax im Alemannischen
Auffällige Besonderheiten gibt es bei der Zeitenbildung
und Konjugation der Verben (Tätigkeitswörter). Für das
gesamte Gebiet gilt, dass das Imperfekt (auch:
Präteritum oder 1. Vergangenheit genannt) nicht
gebräuchlich ist. Also Formen wie ich kam, ging,
sagte, aß, nahm, rief usw. sind im Alemannischen
völlig abwegig. Dies gilt sogar für das Imperfekt des
Hilfszeitworts sein, das im Neuhochdeutschen
war lautet. Im Alemannischen werden dafür
zusammengesetzte Formen verwendet wie z. B. i bin
kumme/choo, i bin gange, i hab gseit, i hab gässe, i hab
gnumme/gnoo, i hab griäft und statt war heißt
es i bin gsi. Das hochdeutsche Ich war noch
nie in Freiburg lautete auf alemannisch etwa I
bin no niä z Friburg gsii.
Hier zeigt sich auch ein weiteres Charakteristikum des
Alemannischen, denn das Partizip Perfekt (Mittelwort der
Vergangenheit) in dieser zusammengesetzten
Vergangenheit, wird, anders als in der Standardsprache,
häufig ohne anlautendes ge- gebildet. In der
Regel haben Verben, die mit p, t, k, b, d, g, z
und pf beginnen, kein ge-, z. B. brocht
‚gebracht‘, denkt ‚gedacht‘, gange
‚gegangen‘, butzt ‚geputzt‘, draimt
‚geträumt‘, kauft ‚gekauft‘, zoge
‚gezogen‘ und pflanzt ‚gepflanzt‘. Das Partizip
Präsens (Mittelwort der Gegenwart), sowohl in
attributiver wie prädikativer Funktion, ist dagegen im
Alemannischen nicht gebräuchlich. Konstruktionen wie
das schreiende Kind oder Sie lief heulend davon
müssen im Alemannischen mit anderen grammatischen
Mitteln ausgedrückt werden.
Nit luck loo!
Ein markantes alemannisches
Dialektmerkmal, besonders häufig im Süden unseres
Gebiets, sind auch die sogenannten Kurzverben wie go
‚gehen‘, sto ‚stehen‘, schlo
‚schlagen‘, lo ‚lassen‘, ho ‚haben‘,
koo/choo ‚kommen‘, gää ‚geben‘ und nää
‚nehmen‘. Wie schon gesagt, sind diese Kurzverben
besonders im Süden des Alemannischen in Gebrauch, jedoch
bei gehen, stehen, geben, haben und lassen
auch in den nördlicheren Gebieten.

Alemannisch: Eine Handreichung für Lehrer
I gang go Wii hole
Sehr exotisch mag auf
Nicht-Alemannen die Verwendung des sogenannten
Infinitiv-Partikels wirken. Er lautet gi/ge oder
go (enstanden aus gehen) bzw. choo
(aus kommen) und wird in Konstruktionen
verwendet, die eine bestimmte Absicht oder einen Zweck
ausdrücken sollen. Besonders in Verbindung mit Verben
der Bewegung wird er verwendet, z. B.: ich gang go
Wii hole ‚ich gehe Wein holen‘, i han miäße gi
dängle ‚ich habe dengeln müssen‘, chumm choo ässe!
‚komm essen!‘ Auch bei Infinitivkonstruktionen wie
es wird regnen finden sich im Alemannischen
besondere Partikel, man sagt s kummt z rägne oder
s chunnt gi rägne u. ä. Sehr eigenständig, wenn
auch nur noch in Teilen des Alemannischen gut bezeugt,
sind auch besondere Formen des Konjunktivs, die auf
einer eigenen Ableitungssilbe beruhen. Als Beispiel kann
ich/er käme gelten: Hier kann das Alemannische
mit ich/er kämtig, kämti, kämt, kämi aufwarten.
Eigene Verhältnisse finden sich im Alemannischen
vereinzelt auch bei der Zuordnung der Verben zu den
starken bzw. schwachen Verbklassen. So bilden rufen,
heben, dreschen, denken, brennen u. a. das Partizip
nach der schwachen Konjugation, also griäft
‚gerufen‘, ghebt ‚gehoben‘, drescht
‚gedroschen‘, denkt ‚gedacht‘, brennt
‚gebrannt‘, während schimpfen oder hinken
stark flektiert: gschumpfe ‚geschimpft‘,
ghunke ‚gehinkt‘.
Ihr mache - Ihr
machet
Abschließend zur Verbflexion soll
noch auf die Pluralbildung des Verbs eingegangen werden.
Hier haben große Teile unseres Gebiets den sogenannten
Einheitsplural, d. h., anders als in der Hochsprache
sind alle drei Formen gleich. Entlang des Rheins hört
man daher z. B.: mir mache, ihr mache, sie mache,
im Südosten, also auf der Baar, im Hotzenwald, Klettgau
und Hegau (wie in großen Teilen des Schwäbischen)
dagegen aber mir machet, ihr machet, sie machet
und nur im Kreis Lörrach gibt es keinen Einheitsplural,
hier hört man: mir mache, ihr machet, sie mache.
Eine Trennung zwischen der Südostecke und dem zum Rhein
hin liegenden Gebiet findet sich auch bei der 2. Person
Singular, wo im Südosten das Verb auf -t endet,
während es im übrigen Gebiet geschwunden ist. Also z.
B.: du kommscht gegen du kommsch.
I ha ne höre singe
Doch nicht nur in der Verbflexion,
auch in der Wortstellung finden sich eigene Regeln. So
kann, anders als in der Standardsprache, bei Sätzen mit
zwei oder mehr Infinitiven (Grundformen) die Wortfolge
vertauscht sein. Kommen Modalverben vor, so stehen sie
vor den anderen Infinitiven. Einige Beispiele: I ha
ne höre singe ‚Ich habe ihn singen hören‘, I ha
dra miässe denke ‚ich habe dran denken müssen‘,
Er het’s nit kenne bliibe loo ‚Er hat es nicht
bleiben lassen können‘.
Mir genn ins
Schmitts
Nun ein Blick auf das Substantiv
(Hauptwort). Hier ist zunächst einiges bei der
Deklination (Beugung) auffällig, denn im Gegensatz zur
Standardsprache ist der Genitiv (Wesfall) weitgehend
verschwunden. Er findet sich nur noch in erstarrten
Redewendungen wie z. B. ich han nit der Zitt ‚ich
habe keine Zeit‘, um Gotts Wille! ‚um Gottes
Willen!‘ oder in Herkunfts- oder
Zugehörigkeitsbezeichnungen, die besonders von
Familiennamen abgeleitet sind wie: s Oberlis Lieseli
‚die Liesel aus der Familie Oberlin‘, ich gang
ins Schmitts ‚ich gehe zur Familie Schmitt‘. Alle
anderen Genitivkonstruktionen wie meines Vaters
Garten oder trotz des schlechten Wetters sind
dem heutigen Alemannischen fremd und würden in
Mundarttexten als sehr störend empfunden. Den Akkusativ
(Wenfall) gibt es zwar noch, er ist aber formal, wie in
der Standardsprache schon beim Femininum und Neutrum,
auch bei den Maskulina mit dem Nominativ (Werfall)
zusammengefallen. Des isch de(r) Maa (Nominativ)
- I sieh de(r) Maa (Akkusativ).
Der Schneck
groowlet iwwer d'Better
Unterschiede zur Standardsprache
gibt es auch bisweilen beim grammatischen Geschlecht.
Zumindest in Teilgebieten des Alemannischen hört man
daher z. B.: der Butter, der Schneck, der Rüpp
(die Raupe), der Luft ‚Wind‘, der Bank, der
Ecke, der Zacke, das Kemmi (der Kamin), das Ort
u. a. Auch die Pluralbildung geht manchmal ihre eigenen
Wege: Hemder ‚Hemden‘, Hefter ‚Hefte‘,
Better ‚Betten‘, Dinger ‚Dinge‘, Gschenker
‚Geschenke‘, Gschäfter ‚Geschäfte‘,
Gschirrer ‚Geschirre‘, Ärm ‚Arme‘, Kiäche
‚die Kuchen‘, Tantene ‚Tanten‘, Miiline
‚Mühlen‘. Veraltet und selten sind Pluralbildungen
ohne Endung wie d Rad ‚die Räder‘, d Kind
‚die Kinder‘. Bei weiblichen Substantiven, die in der
Standardsprache auf -el auslauten, fallen im
Südwesten unseres Gebietes Singular und Plural zusammen:
e Gable - viili Gable; e Tafle - drei Tafle
usw. Die Movierung, also die Bildung weiblicher
Ableitungen, erstreckt sich nicht nur auf Substantive
(z. B. Lährer - Lähreri ‚Lehrer - Lehrerin‘)
sondern auch auf Familiennamen, z. B. d Maieri
‚die Frau Maier‘.
Bi de Druckete
fascht verstickt
Bei der Wortbildung sind im
Alemannischen ebenfalls Besonderheiten zu beobachten. So
sind bestimmte Vorsilben (Präfixe) wie be-, er-, ent-,
miss-, dar-, zer- wesentlich seltener, wenn nicht
gar gänzlich ungebräuchlich. Dennoch ist dies kein
gravierender Mangel, meist kommen dafür andere Präfixe
zu Einsatz, z. B. ver- statt zer-, er- (verrupfe
‚zerrupfen‘, versticke ‚ersticken‘) oder die
Mundart bildet andere Konstruktionen wie rot werden
für erröten. Umgekehrt hat das Alemannische
jedoch eigene gesetzmäßige Ableitungsmuster, die der
Standardsprache gänzlich fehlen. Als Beispiel können
Ableitungen auf -ete genannt werden, mit der
Substantive gebildet werden können, die eine bestimmte
Menge, Ansammlung, Anhäufung bezeichnen
(fachwissenschaftlich Kollektiva genannt). Hier einige
Beispiele (im Badischen Wörterbuch sind etwa 400 solcher
Bildungen zusammengetragen): Backete ‚was man auf
einmal bäckt‘, Tragete ‚was man auf einmal trägt,
Traglast‘, Druckete ‚Menschengedränge‘, Fegete
bzw. Fürbete, Kehrete ‚das Zusammengefegte,
Kehricht‘, Kotzete ‚das Erbrochene‘, Kratzete
‚das Auseinandergekratzte, verrührter Pfannkuchen‘,
Nähete, Strickete ‚was man gerade näht,
strickt‘, Scharrete ‚was man zusammenscharrt‘
usw.
Eine starke Asymmetrie zwischen Standardsprache und
Alemannisch besteht bei den Konjunktionen (Bindewörter).
Generell kann man sagen, dass das Alemannische mit einem
zahlenmäßig geringeren Inventar auskommt und dennoch
alle Beziehungen ausdrücken kann, seien sie nun
temporal, modal, kausal, konsekutiv, instrumental,
konditional oder final. Es geht auch ohne indessen,
infolgedessen, insofern als, während, zumal, falls,
obgleich, obwohl, obschon, ungeachtet, gleichwohl,
wenngleich, wiewohl, wohingegen und wie die
hochgeschraubten Bildungen der Schriftsprache sonst noch
heißen mögen. Das Alemannische kann ebenfalls mit
dass, wo, wie, wenn, weil und wenigen anderen
Konjunktionen sowie einem knappen, unverschachtelten
Satzbau alles klar und verständlich ausdrücken. Als
vorwiegend gesprochene Sprache verweigert sich die
Mundart einem gespreizten, bürokratischen Stil.
Eine weitere markante Auffälligkeit findet sich beim
sogenannten „relativen Anschluss“. Eine Konstruktion wie
das Buch, das ich gestern gekauft habe muss im
Alemannischen stets unter Beteiligung von wo
gebildet werden, also etwa: des Buech, (das) wo-n-i
mer geschtert kauft hab.
Zum
alemannischen Wortschatz
Eigenheiten, die das Alemannische in seinem Wortschatz
aufweist, lassen sich in mehrfacher Hinsicht
herausstellen. Die erste Möglichkeit, dass Wörter sich
von der Standardsprache unterscheiden, besteht darin,
dass Wörter im Alemannischen sich durch lautgesetzliche
Veränderungen von ihren standardsprachlichen
Entsprechungen abheben, also Huus ‚Haus‘,
Chind ‚Kind‘, Hoor ‚Haar‘ usw. Dies soll hier
nicht betrachtet werden, da es zur Lautlehre gehört.
Der Liim hebt
saumäßig guet
Der zweite Fall betrifft Wörter,
die zwar im Alemannischen wie in der Standardsprache
vorkommen, bei denen sich aber die Bedeutungen teilweise
oder ganz voneinander unterscheiden. Hier können schon
Verständigungsschwierigkeiten auftreten, weil jeder
meint, er habe das Wort verstanden. So bedeutet heben
in der Standardsprache ‚etwas in die Höhe befördern,
hochheben‘, im Alemannischen aber ‚halten, festhalten‘.
Das was man in der Standardsprache mit heben
bezeichnet, wird im Alemannischen dagegen durch
lupfen ausgedrückt. Ein des Alemannischen Unkundiger
wird sicherlich etwas irritiert dreinschauen, wenn man
ihm erklärt, dass ein bestimmter Leim gut hebt.
Er wird auch eine Bühne nur im Theater suchen und
nicht unbedingt unter dem Dach eines Hauses. Das sich
anlegen ‚sich ankleiden‘ bedeutet, wird ihm ebenso
sonderbar vorkommen wie die Tatsache, dass der Fuß
manchen Alemannen bis zum Knie und sogar noch weiter
hinauf reichen soll. Auch das Muul ist nicht
unbedingt das, was man im Hochdeutschen mit Maul
meint, es ist vielmehr die wertneutrale Bezeichnung für
‚Mund‘. Auch ein Brötli ist beileibe kein
Brötchen sondern ein Plätzchen, denn ein Brötchen ist
hier ein Weckli. Andere Bedeutungen als in der
Standardsprache liegen auch vor in Teppich
‚Decke‘, Schmutz ‚Fett‘, schmecken
‚riechen‘, wischen ‚kehren‘ und echt
‚bloß, nur‘.
Drittens gibt es im Alemannischen Wörter, die in der
Standardsprache überhaupt nicht vorkommen. Diese Gruppe
ist sehr interessant, zeigt sie doch das alemannische
Sondergut, das teilweise noch in alt- oder
mittelhochdeutschen Quellen zu finden ist und das
interessante Einblicke in die Sprachgeschichte insgesamt
bietet. So findet man das alemannische Wort Häß
‚Kleidung‘, heute vor allem in der Bedeutung
‚Narrenkleid‘ verwendet, schon in mittelhochdeutsch das
hæz (gesprochen hääs) ‚Rock, Kleid,
Kleidung‘. Verfolgt man die Herkunft weiter in die
Frühzeit, so lassen sich Beziehungen zu altindischen und
hethitischen Parallelen herstellen. Die Tatsache, dass
ein Wort nicht in die Hochsprache gelangt ist, sagt
nämlich nichts über sein Alter und schon gar nichts über
seinen sprachgeschichtlichen Wert aus.
Abschließend folgt nun eine Auflistung von Wörtern, die
im Alemannischen insgesamt, oder auch nur in
Teilgebieten verwendet werden und die nicht in der
Standardsprache vorkommen. Da jedoch diese Wörter
wiederum in verschiedenen Lautungen innerhalb des
Alemannischen vorkommen können (z. B.: serpfle,
sürpfle, sirpfle ‚in kleinen Schlucken trinken,
schlürfen‘), wird in der Regel nur eine „Leitform“
gewählt, hier z. B. sürpfle. Natürlich ist die
folgende Auflistung nur eine kleine Auswahl, der
Reichtum und die Vielfalt des alemannischen Wortschatzes
ist wesentlich größer.

Vun Aberwille bis
Zischdig
Aberwille ‚Ekel‘, Aiße
‚Furunkel‘, Anke ‚Butter‘, bäffzge
‚kläffen, anranzen‘, Bammert ‚Flurhüter‘,
Bibbeli(s)käs ‚Quark‘, biige ‚aufschichten,
stapeln‘, bitlos ‚erbärmlich, elend‘,
Bloche(re) ‚Ackerwalze‘, Blodere ‚Blase‘,
Brägeli ‚Bratkartoffeln‘, briäge ‚weinen‘,
Brötli, Zuckerbrötli ‚Weihnachtsplätzchen‘, daie,
däue, mäue ‚wiederkäuen‘, Daische
‚Kuhfladen‘, Dobel ‚Tal, Geländeeinschnitt‘,
Dolke ‚Tintenfleck‘, drümmlig ‚schwindlig‘,
Dubel ‚dummer, einfältiger Mensch‘,
Fleckli(n)g ‚dickeres Brett‘, Füdle
‚Hintern‘, Fürtuech ‚Schürze‘, ghäb, käb
‚knapp, eng‘, gheie, keie ‚fallen, hinfallen‘,
Gink ‚Tritt, Stoß‘, Gluckser ‚Schluckauf‘,
Guck(el) ‚Tüte‘, guge ‚schaukeln‘, Guller
‚Hahn‘, gumpe ‚hüpfen, springen‘, Hag
‚Zaun‘, Heitere ‚Helligkeit‘, kafle
‚nagen, knabbern‘, Kaib ‚durchtriebener Mensch‘,
Käner ‚Dachrinne‘, klöpfe ‚mit der
Peitsche knallen‘, knitz ‚nichtsnützig,
durchtrieben‘, Kriäse ‚Kirsche‘, Kutter,
Kütter ‚Täuberich‘, lampe ‚schlaff
herabhängen‘, Laubflecke ‚Sommersprossen‘,
letz ‚verkehrt‘, Licht ‚Leichenzug,
Beerdigung‘, Liiri ‚Gesöff, Brühe‘, liis,
schlai ‚ungesalzen, fade‘, luck ‚locker‘,
luege ‚sehen‘, lummelig ‚welk, schlaff‘,
mänkele ‚lustlos, langsam essen‘, Märzenflecke,
-kegel, -risele ‚Sommersprossen‘, meisterlos
‚ungezogen‘, Mor ‚Muttersau‘, müchtele
‚muffig riechen‘, Muni, Hage ‚Stier‘, niäne
‚nirgends‘, nuele ‚wühlen‘, Oberte
‚oberste Etage in der Scheune‘, Öhmd ‚Grummet‘,
pfitterle ‚kichern‘, pflättere ‚Wasser
verschütten, planschen‘, Pfnüsel ‚Schnupfen‘,
Pfuddle ‚Bollen, Kotklumpen‘, Pfulbe, Pfulge
‚Kopfkissen‘, pfupfe(re) ‚hin und wieder
schmerzen‘, Rälling, Rolli ‚Kater‘, räß
‚scharf, versalzen‘, Rugili ‚Garnrolle‘,
rumpfle ‚knittern‘, Sägese ‚Sense‘, Säsli
‚Haumesser‘, Schäfe ‚Schote von
Hülsenfrüchten‘, Schermuus ‚Maulwurf‘, Schlenz
‚Riss‘, Schlucke ‚Lücke‘, Schmurris
‚Geschmortes, Mehlgebäck‘, schnäfle ‚schnitzen,
schneiden‘, Schnatte ‚Schnittwunde‘, schucke,
schupfe ‚stoßen‘, seller, selli, sell ‚jener,
jene, jenes‘, Sengnessle ‚Brennnessel‘, sölli
‚sehr, beträchtlich‘, stackse, stackle
‚stottern‘, Strähl ‚Kamm‘, Strübili ‚ein
gewundenes Schmalzgebäck‘, trüele ‚sabbern‘,
Tschobe ‚Männerjacke‘, vergelschtere
‚verängstigen‘, waidli ‚geschwind, schnell‘,
Waie ‚Flachkuchen‘, Wiäche ‚Docht‘,
wunderfitzig ‚neugierig‘, zackerfahre
‚pflügen‘, Zaine ‚Korb‘, Zego ‚ein
Kartenspiel‘, Zischdig ‚Dienstag‘.
Alemannisch
dunkt üüs guet!
Wer sich tiefer in die
sprachlichen Strukturen des Alemannischen einarbeitet,
wird überall feststellen, dass es sich hier um ein
weithin regelhaftes Sprachsystem handelt, das nur einem
oberflächlichen Betrachter als willkürlich und zufällig
erscheinen mag. Wer in der glücklichen Lage ist, in
einem solchen Dialekt aufgewachsen zu sein, sollte ihn
selbstbewusst sprechen und an die nachfolgende
Generation weitergeben.
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