aus:
Alemannisch dunkt üs guet, Heft I/II 2001, S. 3-12
Das Alemannische – seine Herkunft und Geschichte
Rudolf Post
-
J. P. Hebel und Alemannisch
- Wer waren die Alemannen?
- “Zusammengespülte Menschen”
- Kelten, Romanen, Alemannen
- Voralemannische Fluss- und
Ortsnamen
- „Schwarzwaldromania”
- Die Sprache der Alemannen
- Frühe Schriftzeugnisse
- Der Historische Südwest-deutsche
Sprachatlas
- Vom Alter der Mundart
- Alemannisch am Freiburger Münster
- Alemannisch: Alte Wurzeln –
lebendige Triebe
- Literatur
Die heute im
Südwesten des deutschsprachigen Gebietes gesprochenen
Mundarten werden von der Sprachwissenschaft zum
Alemannischen gezählt. Dieses Alemannische wird in sechs
Staaten, nämlich in Deutschland (Teile von
Baden-Württemberg und Bayern (Allgäu)), in Frankreich (Elsass), in
Österreich (Vorarlberg), dann im Fürstentum
Liechtenstein, in der deutschsprachigen Schweiz, aber
auch in kleinen Sprachinseln in Norditalien, z. B. in
den Siedlungen Issime oder Gressoney gesprochen. Heute
kaum noch oder überhaupt nicht mehr existent sind die
vor 250-200 Jahren in Südosteuropa gegründeten Kolonien
mit Siedlern alemannischer Sprache, etwa in Saderlach
oder Sathmar im heutigen Rumänien oder in der Gegend von
Tiflis im Kaukasus.

Dass man die in den
eben umrissenen Gebieten gesprochenen Mundarten mit dem
Überbegriff „Alemannisch” bezeichnet, ist jedoch noch
gar nicht so lange her. Es ist Johann Peter Hebel, der
mit seinen 1803 in erster Auflage erschienenen „Allemannischen
Gedichten” dieser Bezeichnung zum Durchbruch verholfen
hat (Hebel schreibt, wenn man den Herausgebern seiner
Schriften vertrauen kann, das Wort manchmal mit zwei,
manchmal mit einem l, also allemannisch
neben alemannisch. Heute hat sich die Schreibung
mit einem l durchgesetzt, daneben verwenden aber
besonders Archäologen und Historiker noch die
historisierende Schreibung alamannisch, Alamannen
und bisweilen kann man in populären Kontexten auch noch
die einer mundartlichen Phonetik verpflichteten
Schreibweisen allimannisch, alimannisch, Allimanne
u. ä. lesen).
J. P. Hebel und Alemannisch
Wie kam nun Hebel dazu, seine
Wiesentäler Mundart als „allemannisch” zu bezeichnen?
Vermutlich wurde er dazu durch die Lektüre der
Zeitschrift „Bragur - ein literarisches Magazin der
teutschen und nordischen Vorzeit” angeregt. In den
Jahrgängen 1798 und 1800 fand Hebel hier neben
Sprichwörtern, altdeutschen Volksliedern auch eine
Edition eines „Alemannischen Gesangs zum Lobe der
heiligen Jungfrau”, ein Gesang, der heute als „Melker
Marienlied” in die Forschung eingegangen ist.
Offensichtlich stellte er bei der Lektüre dieses
„alemannischen Gesangs” bei Wörtern wie muoter 'Mutter',
wib 'Weib', glich 'gleich', niene 'nirgends', chint
'Kind' oder chraft 'Kraft' verblüffende Gemeinsamkeiten
mit seiner Wiesentäler Mundart fest. So schreibt er im
Jahre 1802 an seinen Herausgeber, dass der Dialekt
seiner Gedichte „an das Alterthum unserer dunklern
Jahrhunderte gränze, und [...] sich in ihm die alte
alemannische Volkssprache erhalten habe”. In bewusstem
und romantisierendem Rückgriff auf die Geschichte, mit
Blick auf die überlieferten Textzeugnisse des frühen
Mittelalters aus dem alemannischen Raum, sieht Hebel
seine Sprache als Dokument der Sprache der Vorzeit.
Wer
waren die Alemannen?
Können wir mit unserem heutigen
Wissen Hebel folgen? Ist die heute hier gesprochene
Mundart die „alte alemannische Volkssprache”? Um diese
Fragen bejahen oder verneinen zu können ist vorweg
einiges zu klären: Wer waren überhaupt diese „alten
Alemannen”, woher kamen sie, gab es sie überhaupt als
einheitliches Volk mit einer einheitlichen Sprache und
wenn, wie hörte sich diese Sprache an?
Die historische Forschung über die
Alemannen hat in der letzten Zeit große Fortschritte
gemacht, dennoch ist bisher noch vieles im Dunkeln
geblieben. Mehr und mehr schwächt sich aber das von
früherer historischer Forschung gezeichnete Bild ab,
nach dem die Alemannen als einheitlicher und
geschlossener Stammesverband die römischen
Grenzfestungen nach schweren militärischen
Auseinandersetzungen mit den römischen Grenztruppen
überrannt, und sich dann in einer gezielten
Landnahmeaktion das Gebiet zwischen dem
obergermanisch-rätischen Limes und dem Rhein allein zu
eigen gemacht hätten, wobei die Vorbevölkerung zumindest
vertrieben, wenn nicht gar sämtlich totgeschlagen worden
sei.
Heute sieht es eher so aus, dass
der Limes durch innerrömische Streitigkeiten weitgehend
von Truppen entblößt war, so dass von außen
herumziehende Germanen „einsickern“ konnten (vor allem
aus dem Elbe -Saale Gebiet, aber auch aus dem böhmischen
Raum), teils nur zu periodischen Beutezügen, von denen
sie wieder in ihre Herkunftsgebiete zurückzogen, teils
aber auch, um sich bei den Römern zu verdingen oder um
im bisher römischen Gebiet zu siedeln. Wie wurden nun
diese Germanen von den Römern genannt oder wie nannten
sie sich selbst?
Der erste, wirklich gesicherte
Beleg für den Namen der Alemannen stammt aus dem Jahre
289 aus Trier. Dies ist im Gegensatz zu anderen
germanischen Stämmen, wie etwa den Sueben oder Semnonen,
die schon bei Cäsar und Tacitus genannt werden, relativ
spät. Nicht sicher geklärt ist auch das Verhältnis der
sogenannten Alemannen zu den eben genannten Sueben und
Semnonen, denn im frühen Mittelalter werden Alemannen
und Sueben oft synonym gesetzt, z. B.: Suebi id est
Alamanni (Schwaben = Alemannen). Waren das nur
verschiedene Namen für die gleichen Volksgruppen oder
haben sie sich später enger zusammengeschlossen, so dass
sie als Einheit gesehen wurden?
“Zusammengespülte Menschen”
Die oben skizzierte neuere
Geschichtsdeutung, die von periodischen Raubzügen und
dem langsameren Einsickern verschiedener Volksgruppen in
das Gebiet zwischen Rhein und Limes ausgeht, wird
einerseits durch archäologische, aber auch durch
sprachliche Indizien gestützt. Die archäologischen
Befunde lasse ich einmal beiseite und wende mich
sprachlichen Indizien zu. Das erste wichtige Argument
liegt im Namen der Alemannen selbst. Schon einem
spätantiken Autor aus dem 3. Jahrhundert wird die erste,
durchaus zutreffende Deutung zugeschrieben. Er soll
nämlich gesagt haben „Zusammengespülte und vermengte
Menschen“ seien die Alemannen, „und dies drückt auch
ihre Benennung aus“. In der Tat ist der Name Alemannen
ja aus zwei Bestandteilen gebildet, nämlich den
Entsprechungen unserer heutigen Wörter all, alle
und Mann, Mannen und bedeutete etwa „Gesamtheit
von Menschen/Männern”, was auf einen Zusammenschluss von
Menschen verschiedener Herkunft hindeutet. Es spricht
also vieles dafür, dass die Alemannen erst in den neuen,
ehemals römischen Gebieten zu einer gewissen Einheit
gefunden haben.
Kelten, Romanen, Alemannen
Sprachliche Gegebenheiten sprechen
auch dagegen, dass die Alemannen bzw. ihre Vorfahren als
geschlossener Stamm die neuen Gebiete planmäßig erobert,
die Vorbevölkerung vertrieben oder totgeschlagen und
dann das eingenommene Gebiet systematisch besiedelt und
bevölkert hätten. Dafür existieren heute in dem damals
eingenommenen Gebiet viel zu viele sprachliche Spuren
einer voralemannischen Bevölkerung. Es sind Spuren, die
nur durch ein längeres Nebeneinanderleben von
voralemannischen Bevölkerungsteilen und Zuwanderern
erklärt werden können. Diese voralemannischen
Sprachspuren (Forscher sprechen von sprachlichem
Substrat) können nach ihrer Herkunft grob in zwei
Gruppen geschieden werden. Zum einen sind es
vorrömische, keltische, zum anderen römerzeitliche,
provinzialrömisch-lateinische bzw. romanische
Sprachreste. Diese Reste finden sich vor allem in
Gewässer-, Orts- und Flurnamen, seltener in der heutigen
Mundart.
Voralemannische Fluss- und
Ortsnamen
Dass Namen von größeren Flüssen
wie Rhein, Neckar, Donau, Rotten/Rhone oder die
Namen bekannter Städte wie Breisach, Basel, Zürich
aus voralemannischer Zeit stammen, ist bekannt. Manche
dieser Namen werden ja schon zu einer Zeit von antiken
Autoren genannt, als von den Alemannen noch niemand
etwas wusste. Daneben gibt es aber noch eine Vielzahl
von kleineren Flüssen oder Örtlichkeiten, in deren Namen
voralemannisches Sprachmaterial steckt. Die folgende
Auflistung konzentriert sich auf Südbaden und lässt die
zum Teil noch viel ergiebigeren Verhältnisse in der
alemannischen Schweiz und im Elsass beiseite. An
voralemannischen Gewässernamen wären da zu nennen:
Alb, Murg, Oos, Acher, Rench, Durbach, Kinzig, Unditz,
Lütschenbach, Brettenbach, Bregetze, Elz, Glotter, Murr,
Brugga, Dreisam, Möhlin, Neumagen, Kander, Wiese,
Wieslet und Wehra, an Siedlungsnamen Kork,
Kehl, Kenzingen, Riegel, Schelingen, Breisach, Zähringen,
Zarten, Kems, Märkt, Lörrach, Grenzach, Alpfen oder
Gurtweil. Die Fülle dieser Namen spricht schon
für ein längeres Nebeneinander von ansässiger
Bevölkerung und Eroberern. Wie sollten sonst Namen von
Bächen, die oft nur wenige Kilometer lang sind,
übermittelt worden sein?
„Schwarzwaldromania”
Besonders verblüffend sind jedoch
Forschungsergebnisse, die der aus Freiburg stammende
Sprachwissenschaftler Wolfgang Kleiber in den letzten
Jahrzehnten vorgelegt hat. Kleiber hat dargelegt, dass
sich in bestimmten Bereichen des mittleren Schwarzwalds
Wörter und Namen voralemannischer Herkunft häufen. Als
Beispiele unter anderen nenne ich hier Namen wie Breg,
Brigach, Bregenhöfe, Bregenbach, Brent, Bregetze,
Bregnitz, Prägenhof, Prägbach usw., die allesamt zu
gallisch briga 'Berg, Bergfluss' gehören. Dazu
Name und Wort Gumme zu gallisch cumba
'Senke'; Gotte, Gutte, Guttel 'Rinnsal' zu
lateinisch-romanisch gutta 'Tropfen'; Kinz,
Chinz, Kinzge, Chinzge 'Hohlweg' zu gallisch
quentica 'Tal, Einschnitt'. Daneben gibt es in
südbadischen Weinbaugebieten Wörter wie etwa Sände,
Särmde, Sändewelle 'Rebwelle', zu
lateinisch-romanisch sarmentum, sarmenta
'Rebschoss' oder muddle 'Reben zurückschneiden',
zu lateinisch-romanisch muttilare 'stutzen,
kürzen'. Da einige dieser Namen oder Wörter noch
romanische Lautentwicklungen (Tschalm, ein
Bergname < calmis 'steinige Bergkuppe';
Gschasi 'Häuschen, zugehöriges Land' < casina
'Hütte') zeigen, kann zumindest stellenweise von einem
mehrere Jahrhunderte währenden Nebeneinander von
Vorbevölkerung und Alemannen ausgegangen werden.
Ähnliche Erkenntnisse zur sprachlichen Kontinuität
ergeben sich im Bodenseegebiet und in Vorarlberg aus den
Arbeiten von Eugen Gabriel und Hubert Klausmann. Es lebt
also in der Sprache im heutigen Südwestdeutschland
manches aus voralemannischer Zeit weiter und es spricht
nichts dagegen anzunehmen, dass auch in der Bevölkerung
keltisches oder gallorömisches Erbe weiterlebt.
Die Sprache der Alemannen
Nach diesem Blick auf das
Voralemannische ist nun das alemannische Spracherbe in
den Blick zu nehmen. Man kann fragen: Wie sah die
Sprache aus, oder besser, wie hörte sich die Sprache an,
die von den Gruppen mitgebracht wurde, die sich hier als
Alemannen vereinigten? Es ist wenig Konkretes, was man
darüber weiß. Da es aus dieser Zeit keine Tonaufnahmen
gibt, ist man auf indirekte Zeugnisse angewiesen. Dies
sind vor allem Schriftzeugnisse, aus denen sich mit
gewisser Vorsicht Hinweise auf gesprochene Sprache
ermitteln lassen.
Frühe Schriftzeugnisse
Sehr frühe Schriftzeugnisse
stellen Aufzeichnungen der germanischen Stammesrechte
dar. Für uns wären dies der Pactus Legis Alamannorum
und die Lex Alamannorum aus dem 7. und 8.
Jahrhundert. Diese Rechte sind in Latein abgefasst, doch
hin und wieder werden bestimmte Wörter in der
Volkssprache wiedergegeben. Das liest sich dann etwa so:
quod Alamanni laitihunt dicunt 'den die Alemannen
Leithund nennen'. Die wenigen Wörter sind aber kaum
sprachlich signifikant und stehen zudem mit
Aufzeichnungen anderer Stammesrechte, z. B. fränkischen,
bairischen, langobardischen, in Beziehung, so dass aus
ihnen keine alemannischen Besonderheiten abgeleitet
werden können. In der Zeit des sogenannten
Althochdeutschen (ca. 800-1050) entstehen in Klöstern,
z. B. in St. Gallen, Murbach, der Reichenau, Texte in
der Volkssprache, die aber nur punktuelle
Spracheigenheiten ihrer Schreiber und deren
Schreibgewohnheiten dokumentieren. Eine einheitliche,
einen bestimmten Raum erfassende Sprache mit erkennbaren
Sprachgrenzen lässt sich anhand dieser Dokumente für
diese Zeit noch nicht ermitteln.
Erst mit dem immer stärkeren
Gebrauch der Volkssprache an Stelle des Lateins in
Literatur, Urkunden und Verwaltungstexten, lassen sich
sprachräumliche Strukturen im Alemannischen
herausarbeiten. Dies wurde im Historischen Sprachatlas
Südwestdeutschlands, dem ersten und bisher einzigen
Unternehmen dieser Art im deutschen Sprachraum, mit
folgender Methode angegangen: Man untersuchte die
Sprache (Schreibungen) in sogenannten Urbaren, das sind
Aufzeichnungen über Verpflichtungen und Abgaben, die der
Territorialherr (z. B. Klöster, Stifte) von seinen
Gütern erhob, aus der Zeit zwischen 1250-1450. Da diese
Textsorte ortsgebunden und zeitlich gut fixierbar ist,
eignet sie sich hervorragend für solche sprachlichen
Vergleiche (strenggenommen sind es natürlich nur
Vergleiche von Schreibungen, die aber Rückschlüsse auf
die Sprache zulassen).
Der Historische Südwest-deutsche Sprachatlas
Hinzu kommt, dass in diesen
Urbaren viele örtlich verwendete Sprachformen, nämlich
Personen, Orts- und Flurnamen auftauchen, die nahe an
der tatsächlich gesprochenen Sprache anzusiedeln sind.
Wenn man nun in diesen Urbaren für jeden belegten Ort
etwa die Schreibungen eines bestimmten Wortes, z. B. für
die Entsprechung unseres Wortes gehen vergleicht, so
fällt auf, dass im Südwesten hierfür Schreibungen wie
gân, gan, im Norden, also im Fränkischen, dagegen
vor allem gên, gen u. a. auftauchen. So kann man
bei vielen Wörtern oder auch bestimmten
Lautentsprechungen vorgehen und erhält so eine Fülle von
Daten, die in Karten dargestellt werden können. Als
Beispiel für eine Karte aus dem Historischen
Südwestdeutschen Sprachatlas ist hier die Karte für die
Bezeichnungen der Kelter dargestellt.
Man erkennt auf dieser Karte klar
drei Gebiete, nämlich Kelter im Norden, Torkel
im Bodenseegebiet und Trotte im Gebiet
dazwischen. Diese und viele Karten dieses Historischen
Sprachatlasses zeigen uns zweierlei: Erstens ist immer
wieder ein deutlicher Gegensatz zwischen dem fränkischen
und alemannischen Gebiet erkennbar (wobei oft fränkische
Spracheinflüsse über das Elsass weit nach Süden
reichen), und zweitens zeigt sich, dass häufig innerhalb
des Alemannischen eine deutliche Differenzierung
hervortritt. Das Alemannische grenzte sich schon vor 700
Jahren vom Fränkischen ab, war aber andererseits schon
damals kein einheitlicher Sprachraum, wie am Gegensatz
Trotte-Torkel erkennbar ist.
Beispiel
einer Karte aus dem Historischen Südwestdeutschen
Sprachatlas:
Bezeichnungen für das Gerät, mit dem man die Trauben
auspresst (13.-15. Jahrh.)
Es ist denkbar, dass in der Zeit
zwischen der Ansiedlung der Alemannen und den ersten
Schriftzeugnissen, die uns ein Bild der alemannischen
Sprachlandschaft vermitteln, starke Sprachveränderungen
stattgefunden haben, die eine ursprünglich eher
einheitliche Sprache auseinander entwickelt haben, doch
dies ist reine Spekulation. So wird z. B. gesagt, dass
die Alemannen ein eigenes einheitliches Wort für
'Wiese', nämlich Matte gehabt hätten, das aber
heute nur noch im Südwesten des Alemannischen
gebräuchlich ist, während sich im Schwäbischen, im Hegau,
Bodenseeraum und in der Nordostschweiz Wiese
durchgesetzt habe. Interessant ist, dass das Wort
Matte, das ja zu mähen, Mahd gehört ('das was
gemäht wird'), eine Entsprechung am Nordwestrand der
Germania, nämlich in englisch meadow 'Wiese' hat.
Vom Alter der Mundart
Vergleicht man die heutige Mundart
mit historisch belegten Zeugnissen, so stellt man fest,
dass einerseits manche Eigenheiten der Mundart schon
sehr alt sind, andererseits merkt man aber auch, dass
sich vieles verändert hat. Ebenso ist es beim Vergleich
zwischen Mundart und Hochsprache. Hier gibt es ebenfalls
Übereinstimmendes aber auch viele Abweichungen. Dabei
muss jedoch bedacht werden, dass unsere Schriftsprache
ein relativ junges Gebilde ist, und man muss sich davor
hüten, zu meinen, die hochsprachliche Form wäre die
normale, ältere und authentischere Form, die Mundart sei
dagegen nur eine daraus hervorgegangene aber
heruntergekommene Variante. Diese Sicht entspricht nicht
den historischen Tatsachen. Mundarten sind alte,
eigenständige Sprachsysteme mit eigenen Regeln und
Entwicklungen, die Jahrtausende zurückreichen.
Alemannisch am Freiburger Münster
Beharrlichkeit und Wandel des
Alemannischen sollen jetzt an einem Beispiel vorgeführt
werden. Wer sich am Westportal des Freiburger Münsters
genauer umsieht, wird neben eingemeißelten Maßen für
Längen, Brote, Ziegelsteine, Zuber auch einige
Inschriften entdecken, die schon einige Jahrhunderte
hier verewigt sind. Auf der rechten Seite findet sich
eine Inschrift in gotischen Lettern aus dem Jahr 1403,
die Markttermine festlegt.
Der Text am Freiburger Münster
zeigt deutliche alemannische Sprachmerkmale. Typisch
alemannischer Wortschatz zeigt sich in Zistag
'Dienstag' und Kilwi 'Kirchweihe'. Der Zistag,
in heutiger Mundart Zischdi(g), ist eine
genaue Übersetzung des lateinischen Vorbilds dies
Martis ('Tag des Mars') in alemannische
Verhältnisse, denn statt des römischen Kriegsgotts Mars
haben sie ihren eigenen Kriegsgott Ziu genommen. Die
Germanen haben nämlich die nach den Planetengöttern
benannten Wochentage von den Römern übernommen, sie aber
auf ihre Götterwelt übertragen. Kilwi ist aus
einer Zusammensetzung von alemannisch Kilche
'Kirche' und Wîhe 'Weihe' entstanden. Kilche
ist auch in historischen Texten ein typisches
alemannisches Kennwort. Heute ist es stark auf dem
Rückzug, doch besonders im Südwesten kann es als
Chilche, Kilche in der Mundart gehört werden.
Kilwi 'Kirchweih' dagegen ist im Breisgau und
Markgräflerland auch heute noch häufig bezeugt.
In lautlicher Hinsicht verraten
Merkt 'Markt' und Mentag 'Montag' ihren
alemannischen Charakter, denn hier sagt man noch heute
Merk(t), Merik(t), Mendi(g). Die Form bed
'beide' ist im Badischen Wörterbuch noch dokumentiert,
begegnet aber in heutiger Mundart sehr selten. Wir sehen
an dieser 600 Jahre alten Inschrift, dass sich das
Alemannische etwas verändert hat, dass sich aber
wesentliche Eigenheiten beharrlich gehalten haben und
bis auf den heutigen Tag in Gebrauch sind.
Alemannisch am
Freiburger Münster: Inschrift mit Festlegung der
Jahrmarktstermine (1403)
Buchstäbliche
Wiedergabe (mit Auflösung der Kürzel in Klammern):
Ein iar merkt wirdet vf de(n) nechste(n) mentag vn(d)
zistag nach sa(n)ct niclaus kilwi. Und der and(er) uf
de(n) nechste(n) zistag vn(d) mitwvche(n) nach all(er)
heilige(n) tag vn(d) bed iarmerkt ei(n) tag vor vn(d)
ei(n) nach gevriet
Freie Übersetzung:
Ein Jahrmarkt findet statt auf den nächsten Montag und
Dienstag nach der Sankt-Nikolaus-Kirchweih (25.6.). Und
der andere auf den nächsten Dienstag und Mittwoch nach
dem Allerheiligentag (1.11.). Und beide Jahrmärkte haben
einen Tag davor und einen danach Marktfreiheit.
Alemannisch: Alte Wurzeln –
lebendige Triebe
Die heute hier gesprochene
Mundart, Alemannisch genannt, ist das Ergebnis eines
langen historischen Prozesses. Sie ist entstanden aus
den mitgebrachten Sprachen der in der Spätantike und im
Frühmittelalter hier eingewanderten germanischen
Siedler, durchsetzt mit sprachlichen Resten der Kelten
und Galloromanen und hat sich dann immer weiter
entwickelt, wobei interne Neuerungen, sprachliche
Strömungen von außen , z. B. entlang des Rheins, aber
auch Beeinflussungen durch das Französische,
Italienische, ja selbst aus dem Hebräischen der einst
hier lebenden Juden ihre heutige Form ausgebildet haben.
Das heutige Alemannische ist, so können wir Johann Peter
Hebel entgegenhalten, zwar nicht die reine
Stammessprache eines einheitlichen alemannischen
Stammes, aber in ihrer heutigen Form und Vielfalt lassen
sich sehr alte Wurzeln und daneben eine Bereicherung und
Veränderung innerhalb ihrer Geschichte erkennen. Das
Alemannische steht und stand immer im Spannungsfeld
zwischen Beharrung und Wandel.
Literatur:
Bassler, Harald / Steger,
Hugo 1997: „Alemannisch“ als Teil des Althochdeutschen.
In: Die Alamannen. Hrsg. vom Archäologischen
Landesmuseum Stuttgart. Stuttgart.
Geuenich, Dieter 1997:
Geschichte der Alemannen. Köln (Urban-Taschenbücher
575).
Klausmann, Hubert / Kunze, Konrad /
Schrambke, Renate 31997: Kleiner Dialektatlas
Alemannisch und Schwäbisch in Baden-Würtemberg. Bühl
(Themen der Landeskunde 6).
Kleiber, Wolfgang / Kunze, Konrad /
Löffler, Heinrich 1979: Historischer
Südwestdeutscher Sprachatlas, aufgrund von Urbaren des
13. bis 15. Jahrhunderts. Bern/München.
Kleiber, Wolfgang / Pfister, Max 1992:
Aspekte und Probleme der römisch-germanischen
Kontinuität. Sprachkontinuität an Mosel, Mittel- und
Oberrhein sowie im Schwarzwald. Stuttgart 1992. (Veröff.
der Akad. der Wissenschaften und der Literatur, Mainz).
Kunze, Konrad 31997: Alemannisch - was ist das? In:
Klausmann, Hubert / Kunze, Konrad / Schrambke, Renate:
Kleiner Dialektatlas. Alemannisch und Schwäbisch in
Baden-Württemberg. Bühl (Themen der Landeskunde 6).
Zruck
zue "Unser Sprooch"