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Dr. Rudolf Post
Leiter des Badischen Wörterbuchs, Uni Freiburg, von
1998-2009
Passeltang / Basseltang
Un wo n i uf em Schniidstuel sitz
für Basseltang un Liechtspö schnitz ...
so beginnt in Johann Peter Hebels "Alemannischen
Gedichten" (1. Aufl. 1803) das Gedicht "Das Hexlein".
Schon in diesen ersten Zeilen dürften bei einem heutigen
Zeitgenossen Verstehensprobleme auftauchen. Vielleicht
weiß er noch, was ein Schniidstuel ist, nämlich
eine Art Bank, auf der man mittels eines Fußhebels
Werkstücke festspannen konnte und auch die Liechtspö
(Lichtspäne) mögen ihm noch als archaisches
Beleuchtungsmittel bekannt sein, doch bei der Fügung
für Basseltang wird es besonders schwer. Was soll
das bedeuten?
Nun, schon Hebel gab seinen Alemannischen Gedichten ein
Glossar bei, in dem er zahlreiche Mundartwörter
erklärte, denn die "Alemannischen Gedichte" wurden ja
auch außerhalb des alemannischen Sprachraums gelesen.
So hat Johann Wolfgang Goethe die 2. Auflage der
„Alemannischen Gedichte“ in der „Jenaischen Allgemeinen
Literaturzeitung“ vom 13. Februar 1805 ausführlich und
überaus positiv rezensiert. Noch positiver äußerte sich
Jean Paul in einem Schreiben an den Herausgeber der
„Zeitung für die elegante Welt“ (in Jean Paul: Sämtliche
Werke, Ausgabe der preußischen Akademie, Abt. I, Band
13, S. 133-135). Wie Hebel, der auch Lesern anderer
deutscher Sprachgebiete das Verstehen durch ein Glossar
erleichtern wollte, machten es auch fast alle anderen
Herausgeber der "Alemannischen Gedichte" und so kann man
in fast jeder Ausgabe im Wortverzeichnis nachschlagen
und liest dann dort: Basseltang = Kurzweil,
Zeitvertreib.
Schaut man in die Großraum-Dialektwörterbücher des Süd-
und Westdeutschen Raums, so findet man zahlreiche Belege
für dieses Wort. Als Stichwörter sind angesetzt:
Passeltang, Passletang, Passeltan, Passeletang oder
Passelitang (s. die Belege weiter unten). Hier in
diesen Wörterbüchern findet man auch Hinweise auf die
Herkunft (Etymologie) dieses Wortes. Übereinstimmend
wird dort ausgesagt, dass das Wort aus französisch
(pour) passer le temps 'zum Zeitverteib' kommt. Dem
ist nichts hinzuzufügen. Interessant erscheint lediglich
die Integration des französischen Nasallautes in
temps [tã] zu -tang. Da in den
Mundarten diese Verbindung mit nasaliertem Vokal nicht
vorkommt, wird der Nasal durch -ng ersetzt. Dies
ist aber auch in weiten Bereichen der deutschen
Umgangssprachen üblich, vgl. Beton > Betong, Balkon >
Balkong usw.
Belege zu Passeltang aus
den einschlägigen Dialektwörterbüchern. Sie wurden
von Anna Herb abgeschrieben - herzlichen Dank!
(Bestimmte Sonderzeichen aus
den Originalen, können im Folgenden u. U. nicht
dargestellt werden).
Badisches Wörterbuch I, 123:
Passeltang m.: Kurzweil, Zeitvertreib;
básldaŋ ›Freib.‹; für Basseltang
›Hebel‹ 7,2; fer bassletang = fer
umesušt ›Wiesloch‹ hs.; for básəldə,
pour passer le temps
›Hettgn‹; fa bráslədānd
›Handsch.‹ — Els. 2, 96.
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Elsässisches Wörterbuch II, 96:
† Passletang [Pàslətàŋk M.;
Pàslətàŋ BF.; Pàslitaŋ Hüss.;
Pòslətàŋ Hf.; Pàslətà u. Pàslətàŋ
Str.; Pàsləùm Mütt.; Pàslətùŋ
Lobs.; Paslitàŋ Katzent.] m.
Zeitvertreib. Eppes für e P. machen
M. Er het Holz gschnitten für
P. Mütt.,— us P. Hüss. ‚Dort babbelt au
für Bassletang Der Vetter Schakopp mit em
Schang‘ E. Stöber Schk. 47. ‚Denn so ebs isch
for Männer, wo sunst vil Gschäfde henn, e
rechder Bassledang‘ Pfm III 4. In Minversh. ist
das Wort duch Volksetymologie in 2 bekannte
Wörter zerlegt worden: Uf Bossel und
Dank umsonst. Uf den Bossel und
Dank kann ich doch dis Meiden nit
bhalten! — frz. passer-(le)-temps.
Schweiz. 4, 1663. F. Schwäb. 670. Pfalz. |
Pfälzisches Wörterbuch I, 593:
Passeltan m: 1. ‚Zeitvertreib‘, in
der Verb. for Baßledaan (basle’dān)
[BZ-Dernb], Basledam [Land],
Basseledaan [verbr. VPf. (Nachlaß
Heger)], Baßledan [PfId. 17
Guentherodt Frz. 158], Basseltang
[Lambert Penns 22]. — 2. ‚Undank‘,
Baasledank [KL-Gimsb u. Umg. RO-Lettw.];
volksetym. Umdeutung aus 1. — Aus frz. pour
passer le temps. — Rhein. VI 543; Bad. I 123.
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Rheinisches Wörterbuch VI, 543:
Passeletang das frz. pour passer le temps
ist namentl. in Städten bezeugt, u. zwar vor
(für) basələtaŋ Hunsr [basəl(ə)tan u.
-dam Kreuzn], Siegld; -səltant
Neuw-Linz; pasələtaŋ. Köln-Stdt,
Dür-Stdt, Düss-Stdt, Dinsl; pasəlătant
Barm vor (für) P. zum Zeitvertreib, aus
Kurzweil; er racht (raucht) vor B. e
Sigar. — E Vərbasələdantxə ein
Zeitvertreib Goar Boppard.
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Schwäbisches Wörterbuch I, 670:
Passeltan — baslẹdā,
auch basld-, basləd-; badslədā
neben basl- Rt./Wagn. 140; "-tang"
Schm. Buck Ukbl. 2, 71, -dõ Oe., dõũ
Ha., dãũ KüSimpr., dũã "Frk." —
m.: Zeitvertreib. P. treiben Aug. 49.
Meist für P.: zum blossen Z., in der
Langeweile, ohne besondere Absicht; "umsonst"
NkOedh. BoeSind. Was schaffet ihr? Antw.:
F. P. ‚Was so drei Schoppa, dia haun ih sust
nun so für P. trunka und haun
nun nooch mai guckt‘ Neffl. 73.
‚Gelt, du möchtest nur so für p. dein’s Wegs
fort und nichts schaffen‘ Auerb. 1, 247. —
Frz. passe le temps. DF.
163. Swz. 4, 1663. Str. 13. Schm. 46.
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Wörterbuch der Schweizerdeutschen Sprache IV,
1663:
Passelitang BsL., Passelidang
SHessigk., Basselidang BE., Basslitang
S (Schild), Basslidang Bs, Baselitang
B hE.; ZO. (Stutz, neben Baseltang),
Baselidang Gl; ZA., Grün., O., Ruml., S.,
Uster, Basilidang SchSt.; ZBül., Rafz
(neben -gang), Passilitamm GrPr.,
Baselitā,
P- GrvPr., Passeligang Z,
Baseligang ZBub. — n.: in BsL.; S;
ZZoll. m.: 1. Zeitvertreib, meist in der
Verbindung für P. (für den
P. BsL.; S, für’s P. B hE.), zum
Zeitvertreib, zur blossen Kurzweil. Ich
bin nit für den P. da
BsL. Es gāt-im
für (für den, für’s) P., es geht
ihm für Nichtstun. Für Passeligang über Fëld
gān,
zum Zeitvertreib einen Spaziergang machen Z. —
2. adv., ganz gemächlich Z. Si machend’s
nur eso b. ZA., S. Wenn Einer
nur eso b. schafft, chunnd-er an
keins Port ZZoll. Channst
b. laufen, de häst nach Zīt
g’nueg. ebd. —
Frz. (pour) passer le temps.
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Für Ergänzungen und
weitere Hinweise mit Angabe der Quellen bin ich
immer dankbar.
Zruck
zue "Unser Sprooch"
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