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Dr. Rudolf Post
Leiter des Badischen
Wörterbuchs, Uni
Freiburg, von
1998-2009
semper 'wählerisch im
Essen / Fressen'
Im Markgräflerland im Wiesental und
besonders im Hotzenwald sowie im
angrenzenden schweizerischen Aargau (s.
Karte) findet sich für die Eigenschaft
'wählerisch im Essen/Fressen' eine
eigenwillige Bezeichnung, nämlich semper,
die oft zur Nachfrage nach seiner Herkunft
anregt. Der Sinnbereich 'wählerisch beim
Essen, heikel, verwöhnt, nicht richtig
essen, langsam essen, lustlos im Essen
herumstochern, sich das Beste herauspicken'
usw. hat in allen Mundarten ein reiches
Inventar von oft kleinräumig verbreiteten
Bezeichnungen hervorgebracht, von denen im
Umfeld von semper etwa schnaikig,
näusig, mänkelig, schlezig, meisterlos,
schnäderfräßig (natürlich in zahlreichen
dialektalen Varianten) zu nennen wären.
Unser hier zu betrachtendes Wort semper
begegnet uns schon in im Jahr 1540 bei dem
Züricher Autor Heinrich Bullinger, der es auf
verzärtelte, empfindliche weibliche Personen
bezieht die uf der gassen ... semper
umherschlirplen (zit. nach Schweiz. Wb. 7,
990, s. u.). Ein weiterer früher Beleg findet
sich in dem 1784 erschienenen 2. Band des
"Glossarium Germanicum medii aevi" von
Scherz-Oberlin, mit einem Beleg aus Straßburg
(s. unten bei Deutsches Wörterbuch). Bei Johann
Peter Hebel heißt es im Gedicht "Geisterbesuch
auf dem Feldberg": Und dört wachst kei Gras,
dört wachse numme Rosinli, / het er g'seit, und
Milch und Honig rieslen in Bäche, / aber 's Vieh
isch semper, 's will alli Morge si Gras
ha (Hebel, Alemannische Gedichte, erste
Aufl. 1803). Aber auch bei anderen
Mundartautoren des oben genannten Raumes finden
wir Belege, so bei Hermann Burte (1870-1960):
Er (der Gaul) isch halt uding semper
(Burte Madlee, 1923, S. 157). Und auch bei
Gerhard Jung (1926-1998) lesen wir: bloß nit
semper un verdruckt sii (Jung,
Schmecksch de Brägel, 1966, S. 135). Auch in
Abhandlungen zu den Mundarten des
Markgräflerlandes und des Wiesentals (sämbər
Beck 229, sämbər Glattes 25,
semper Meisinger VW. 37, Des isch en
sämpere Chaib Schäuble/Wehr 64) finden sich
Belege. Die Verbreitung in der Schweiz kann nach
Wortkarte VIII 28 des Schweizerdeutschen
Sprachatlasses eingesehen werden. Dort ist
jedoch nur "wählerisch beim Fressen des Viehs"
kartiert.
In den Dorfmundarten ist das
Wort heute immer noch gut bezeugt (Varianten:
semper, sempr, sember, sembr, sämper, sämpr,
sämber, sämbr, samber, sambr, samper, sampr).
Es wird dort besonders auf das Vieh angewandt
und es gibt dazu auch vereinzelt Ableitungen wie
semperig, sempern und dann die Bildung
der Semper oder Semperer, womit ein
eigenes Krankheitsbild bezeichnet wird, wenn das
Vieh nicht richtig fressen will und dann
Mangelerscheinungen zeigt. Angeblich soll dies
eine Kobalt-Mangelkrankheit sein.
Ausgehend von der Grundbedeutung
'wählerisch beim Essen' finden sich dann
Bedeutungsverschiebungen in Richtung
'empfindsam, eigenartig', so Gerhard Jung in dem
oben angeführten Zitat. Aus Freiburg wird aus
der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sämber
'wortkarg' und 1921 e Zemberer 'ein
Eingebildeter, Hochmütiger' gemeldet.
Wie ist nun die Herkunft dieses
Wortes zu deuten? Auf jeden Fall ist wohl das in
alten Quellen belegte Rechtswort semper,
semperfrei u. ä. fernzuhalten. Dies gehört
zu mhd. sendbaere, eine Bildung zu
send 'Gerichtsversammlung' < lat. synodus
und hat mit unserem Wort wohl nur die Lautung
gemein. Das Deutsche Wörterbuch deutet semper
'wählerisch' als Nebenform zu zimper,
zimperlich 'empfindlich, wehleidig'. Auch
die Redaktoren des Schweizerdeutschen
Wörterbuchs schließen sich dieser Deutung an und
weisen darauf hin, dass das Wort auch im
Nordischen dialektal erhalten sei und auch in
engl. simper 'geziert lächeln' seine
Entsprechung habe.
Für unser Gebiet ist jedoch
schwer nachzuvollziehen, wie diese Beziehungen
zu den nordischen bzw. angelsächsischen Belegen
aussehen könnten, denn hier wäre lautgesetzlich
dann sempfer zu erwarten. Außerdem gibt
es in unserem Gebiet von semper ebenfalls
das Adjektiv zimpfer 'zart, empfindsam,
zimperlich' und es erscheint hier doch schwer,
das Nebeneinander dieser verschiedenen Formen
lautgesetzlich zu erklären. Sollte es sich um
ein Relikt handeln, an dem alle oberdeutschen
Sprachentwicklungen vorbeigingen? Kaum. Handelt
es sich um ein verdunkeltes Kompositum? Offene
Fragen. Als Schlussfolgerung ergibt sich für
mich, dass das Wort in seiner Herkunft noch
nicht eindeutig geklärt ist.
Zur Vertiefung und Überprüfung meiner
Abhandlung über semper, sind im
Folgenden alle Wortartikel aus den
einschlägigen Wörterbüchern angeführt, die
etwas über unser Wort dokumentieren. Sie
wurden von Anna Herb aus den Wörterbüchern
übernommen - herzlichen Dank!
(Bestimmte
Sonderzeichen aus den Originalen, können im
Folgenden u. U. nicht dargestellt werden).
Deutsches Wörterbuch X 1, 569:
SEMPER, adj. alemannisch
wählerisch in bezug auf speisen, worte,
mittel Stalder 2, 370, delicat
(von personen), verzärtelt, zimperlich
Hunziker 239, eine sempere frau,
Argentorati femina affectans vestium aut
morum elegantiam. Scherz-Oberlin
1484, aber auch nd. Schütze 4,
96. nebenform zu zimper,
zimperlich, s. diese unten. auch das
bei Schm.2 2, 285 aus
Kitzbühel bezeugte semperig,
unpäszlich gehört wol in diesen
zusammenhang. vgl. das erste
sempern, verb. |
Schwäbisches Wörterbuch V, 1360:
semper II Adj.: Viel gesünder,
Net so s. Hd
Guss./Thierer 1, 271. —
Gewiss wie Swz. 7,
990 launisch, heikel. < sonderbar?
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Schweizerisches Wörterbuch VII, 990:
sämper, semper I, lt. St.2
"simper, simber Aa": a)
delikat, verzärtelt, zimperlich AaLeer.
So in der ä. Spr. von Zierpuppen.
‚Eerlicher ist es dir, man finde dich
dapfer und fruotig an der arbeit stan,
dann am tanz herumbhupfen oder uff der
gassen äben ussgestrichen, semper,
umherschlirplen.‘ HBull. 1540.
Empfindlich, von weiblichen Personen,
aber auch von Zierpflanzen (gegen Frost)
und Gewebe (gegen Entfärbung) SchSchl.
Sëlb ist en semperi Töchter. S.
auch chatzenrein (Bd. VI 991). —
b) wählerisch im Essen, auch
Trinken "Aa" Fri., Zein.; BsL (so
Rothenfluh); UwE.; "U", im Arbeiten
UwE., "fein prüfend in der Wahl der
Wörter, deren man sich in der
Conversation bedient, oder in der Wahl
der Mittel zu einem vorgesteckten Zweck
Aa; LG., W."; ‚auswählerisch,
aussucherisch, wunderlich‘ BsL., übh.
‚schwer zu befriedigen‘ UwE., "launisch,
von einem Menschen, mit dem man nicht
wohl zurechtkommen kann oder der öfters
selbst nicht weiss, was er will UwE."
Vgl. ‚semper‘ bei Gr. WB X 1,
569; dazu semper (in Bed. b) bei
Hebel, ferner nord. dial. simper,
semper (in Bed. a und b), engl.
simper, geziert lächeln; nächst
verwandt mit zimper (s. d.). Auch
die vor. Gruppe gehört in den selben
etym. Zshang
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Badisches Wörterbuch
noch nicht publiziert, die Belege
für den Wortartikel finden sich jedoch
im Wesentlichen im obigen
Einführungstext.
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Für Ergänzungen und weitere Hinweise mit Angabe
der Quellen bin ich immer dankbar.
Zruck
zue "Unser Sprooch"
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