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Alemannisch – eine eigene Sprache?

von Rudolf Post

Ob man die in der Überschrift gestellte Frage bejahen oder verneinen muss, hängt davon ab, was man unter ?Sprache? versteht. Versteht man darunter ein normiertes System, das als National-, Amts- oder Standardsprache mit einer festgelegten Orthographie und einer schriftlich fixierten Grammatik in einem großen Gebiet ohne nennenswerte regionale Unterschiede gebraucht wird, so muss man die Frage wohl verneinen. Versteht man ?Sprache? jedoch als System von Zeichen und Regeln, das einer Gemeinschaft zur mündlichen Verständigung dient, so ist Alemannisch unbedingt als eigene Sprache zu betrachten. Denn das Alemannische hat seine eigenen Sprachregeln, die sich in der Lautung, der Wortbildung und der Syntax erkennen lassen. Außerdem gibt es auch im Wortschatz typisch alemannische Eigenheiten. Im Gegensatz zu einer National- oder Standardsprache (z. B. dem Deutschen, Französischen, Italienischen) sind beim Alemannischen die Verhältnisse jedoch komplexer, denn das System der Regeln kann hier von Ort zu Ort variieren. Das ist jedem bekannt, dass man von Ort zu Ort ein immer etwas anders lautendes Alemannisch spricht. Ja selbst in einem Ort können wieder Unterschiede sein, denn oft redet z. B. die ältere Generation anders als die jüngere. Man spricht bei einer solchen Sprachwirklichkeit dann eher von Mundart oder Dialekt. Trotzdem sind Mundarten bzw. Dialekte eigene Sprachsysteme. Das man hier dennoch eher von Mundart sprechen sollte, zeigt sich auch daran, dass das Alemannische (wie natürlich auch das Bairische, Fränkische usw.) zu der neuhochdeutschen Standardsprache in einem bestimmten Verhältnis steht, denn alle diese Varietäten befinden sich unter der ?Überdachung? des Hochdeutschen, es sind also deutsche Mundarten.

Wenn im Folgenden gezeigt werden soll, dass das Alemannische in vielen Bereichen als ein eigenständiges Sprachsystem anzusehen ist, so kann man dies am besten dadurch tun, dass man die gesetzmäßigen Unterschiede zu den benachbarten Mundarten, aber auch besonders die Unterschiede zur neuhochdeutschen Standardsprache herausarbeitet. Dies kann hier nur in groben Zügen geschehen, indem besonders auffällige und möglichst weit verbreitete Eigenheiten herausgestellt werden. Dabei konzentriere ich mich besonders auf das Alemannische im Hebelschen Sinn, also Südbaden, während die Verhältnisse im Elsässischen, Schwäbischen, Schweizerischen und Vorarlbergischen nur am Rande mitverfolgt werden. Dabei sollen Beispiele aus allen sprachlichen Ebenen berücksichtigt werden, also aus dem Gebiet der Lautlehre, Formenlehre, der Syntax (Satzbau) und dem Wortschatz.

Etwas zur Lautlehre des Alemannischen

Schon bei der Darstellung zur Raumgliederung des Alemannischen in diesem Heft wurden Sprachlinien und sprachliche Eigenschaften dargestellt, die das Alemannische und seine Teilgebiete gliedern. Besonders markante Besonderheiten gegenüber dem Neuhochdeutschen sind die dort unter den Bezeichnungen „neuhochdeutsche Diphthongierung“ und „Monophthongierung“ genannten Eigenheiten, denn das Alemannische hat hier noch den älteren Lautstand. Also Wii, bliibe, Iis, Huus, bruche, uf sowie guet, Brueder, Huet, liäb, Liächt usw.

Signifikant ist auch die konsequente Aussprache von altem st als scht und von sp als schp. Anders als in der Standardsprache, in der st und sp nur im Anlaut als scht, schp gesprochen werden (Stein, stehen - Speck, spitz), hat das Alemannische diese Laute auch im In- und Auslaut verschoben: Fenschter ‚Fenster‘, fescht ‚fest‘, Schweschter ‚Schwester‘ - Veschper ‚Vesper‘, Knoschp(e) ‚Knospe‘, Haschple ‚Haspel‘.

Üüseri Schwöschter kriägt öppes Chlais

Auch die sogenannte Entrundung ist (bis auf das Gebiet am Hochrhein) auffällig. Man versteht darunter, dass Laute, die ursprünglich mit gerundeten Lippen gesprochen wurden (ö, ü) nun mit ungerundeten Lippen als e, i artikuliert werden: Lecher ‚Löcher‘, Veegl ‚Vögel‘, Bliämli ‚Blümlein‘, neetig ‚nötig‘ usw. Der Südrand hat - wie Johann Peter Hebel - jedoch alle Rundungsvokale. Hier ist es sogar so, das noch mehr gerundet wird: öppes ‚etwas‘, Öpfel ‚Äpfel‘, Schwöschter ‚Schwester‘, Üül ‚Eule‘, üüs ‚uns‘, nüt ‚nichts‘ u. a.

Zur besseren Aussprache, kann im Alemannischen zwischen einem Wort, das mit Vokal endet und dem folgenden, das mit Vokal anfängt ein -n- eingeschoben werden. Dies wird von der Fachwissenschaft als „hiatustilgendes n“ bezeichnet. Beispiele wären: wo-n-i ‚wo ich‘, bi-n-iis ‚bei uns‘, zue-n-em ‚zu ihm‘, wiä-n-i ‚wie ich‘.

Zur Formenlehre und Syntax im Alemannischen

Auffällige Besonderheiten gibt es bei der Zeitenbildung und Konjugation der Verben (Tätigkeitswörter). Für das gesamte Gebiet gilt, dass das Imperfekt (auch: Präteritum oder 1. Vergangenheit genannt) nicht gebräuchlich ist. Also Formen wie ich kam, ging, sagte, aß, nahm, rief usw. sind im Alemannischen völlig abwegig. Dies gilt sogar für das Imperfekt des Hilfszeitworts sein, das im Neuhochdeutschen war lautet. Im Alemannischen werden dafür zusammengesetzte Formen verwendet wie z. B. i bin kumme/choo, i bin gange, i hab gseit, i hab gässe, i hab gnumme/gnoo, i hab griäft und statt war heißt es i bin gsi. Das hochdeutsche Ich war noch nie in Freiburg lautete auf alemannisch etwa I bin no niä z Friburg gsii.

Hier zeigt sich auch ein weiteres Charakteristikum des Alemannischen, denn das Partizip Perfekt (Mittelwort der Vergangenheit) in dieser zusammengesetzten Vergangenheit, wird, anders als in der Standardsprache, häufig ohne anlautendes ge- gebildet. In der Regel haben Verben, die mit p, t, k, b, d, g, z und pf beginnen, kein ge-, z. B. brocht ‚gebracht‘, denkt ‚gedacht‘, gange ‚gegangen‘, butzt ‚geputzt‘, draimt ‚geträumt‘, kauft ‚gekauft‘, zoge ‚gezogen‘ und pflanzt ‚gepflanzt‘. Das Partizip Präsens (Mittelwort der Gegenwart), sowohl in attributiver wie prädikativer Funktion, ist dagegen im Alemannischen nicht gebräuchlich. Konstruktionen wie das schreiende Kind oder Sie lief heulend davon müssen im Alemannischen mit anderen grammatischen Mitteln ausgedrückt werden.

Nit luck loo!

Ein markantes alemannisches Dialektmerkmal, besonders häufig im Süden unseres Gebiets, sind auch die sogenannten Kurzverben wie go ‚gehen‘, sto ‚stehen‘, schlo ‚schlagen‘, lo ‚lassen‘, ho ‚haben‘, koo/choo ‚kommen‘, gää ‚geben‘ und nää ‚nehmen‘. Wie schon gesagt, sind diese Kurzverben besonders im Süden des Alemannischen in Gebrauch, jedoch bei gehen, stehen, geben, haben und lassen auch in den nördlicheren Gebieten.

Sehr exotisch mag auf Nicht-Alemannen die Verwendung des sogenannten Infinitiv-Partikels wirken. Er lautet gi/ge oder go (enstanden aus gehen) bzw. choo (aus kommen) und wird in Konstruktionen verwendet, die eine bestimmte Absicht oder einen Zweck ausdrücken sollen. Besonders in Verbindung mit Verben der Bewegung wird er verwendet, z. B.: ich gang go Wii hole ‚ich gehe Wein holen‘, i han miäße gi dängle ‚ich habe dengeln müssen‘, chumm choo ässe! ‚komm essen!‘ Auch bei Infinitivkonstruktionen wie es wird regnen finden sich im Alemannischen besondere Partikel, man sagt s kummt z rägne oder s chunnt gi rägne u. ä. Sehr eigenständig, wenn auch nur noch in Teilen des Alemannischen gut bezeugt, sind auch besondere Formen des Konjunktivs, die auf einer eigenen Ableitungssilbe beruhen. Als Beispiel kann ich/er käme gelten: Hier kann das Alemannische mit ich/er kämtig, kämti, kämt, kämi aufwarten.

Eigene Verhältnisse finden sich im Alemannischen vereinzelt auch bei der Zuordnung der Verben zu den starken bzw. schwachen Verbklassen. So bilden rufen, heben, dreschen, denken, brennen u. a. das Partizip nach der schwachen Konjugation, also griäft ‚gerufen‘, ghebt ‚gehoben‘, drescht ‚gedroschen‘, denkt ‚gedacht‘, brennt ‚gebrannt‘, während schimpfen oder hinken stark flektiert: gschumpfe ‚geschimpft‘, ghunke ‚gehinkt‘.

Ihr mache - Ihr machet

Abschließend zur Verbflexion soll noch auf die Pluralbildung des Verbs eingegangen werden. Hier haben große Teile unseres Gebiets den sogenannten Einheitsplural, d. h., anders als in der Hochsprache sind alle drei Formen gleich. Entlang des Rheins hört man daher z. B.: mir mache, ihr mache, sie mache, im Südosten, also auf der Baar, im Hotzenwald, Klettgau und Hegau (wie in großen Teilen des Schwäbischen) dagegen aber mir machet, ihr machet, sie machet und nur im Kreis Lörrach gibt es keinen Einheitsplural, hier hört man: mir mache, ihr machet, sie mache. Eine Trennung zwischen der Südostecke und dem zum Rhein hin liegenden Gebiet findet sich auch bei der 2. Person Singular, wo im Südosten das Verb auf -t endet, während es im übrigen Gebiet geschwunden ist. Also z. B.: du kommscht gegen du kommsch.

Doch nicht nur in der Verbflexion, auch in der Wortstellung finden sich eigene Regeln. So kann, anders als in der Standardsprache, bei Sätzen mit zwei oder mehr Infinitiven (Grundformen) die Wortfolge vertauscht sein. Kommen Modalverben vor, so stehen sie vor den anderen Infinitiven. Einige Beispiele: I ha ne höre singe ‚Ich habe ihn singen hören‘, I ha dra miässe denke ‚ich habe dran denken müssen‘, Er het’s nit kenne bliibe loo ‚Er hat es nicht bleiben lassen können‘.

Mir genn ins Schmitts

Nun ein Blick auf das Substantiv (Hauptwort). Hier ist zunächst einiges bei der Deklination (Beugung) auffällig, denn im Gegensatz zur Standardsprache ist der Genitiv (Wesfall) weitgehend verschwunden. Er findet sich nur noch in erstarrten Redewendungen wie z. B. ich han nit der Zitt ‚ich habe keine Zeit‘, um Gotts Wille! ‚um Gottes Willen!‘ oder in Herkunfts- oder Zugehörigkeitsbezeichnungen, die besonders von Familiennamen abgeleitet sind wie: s Oberlis Lieseli ‚die Liesel aus der Familie Oberlin‘, ich gang ins Schmitts ‚ich gehe zur Familie Schmitt‘. Alle anderen Genitivkonstruktionen wie meines Vaters Garten oder trotz des schlechten Wetters sind dem heutigen Alemannischen fremd und würden in Mundarttexten als sehr störend empfunden. Den Akkusativ (Wenfall) gibt es zwar noch, er ist aber formal, wie in der Standardsprache schon beim Femininum und Neutrum, auch bei den Maskulina mit dem Nominativ (Werfall) zusammengefallen. Des isch de(r) Maa (Nominativ) - I sieh de(r) Maa (Akkusativ).

Unterschiede zur Standardsprache gibt es auch bisweilen beim grammatischen Geschlecht. Zumindest in Teilgebieten des Alemannischen hört man daher z. B.: der Butter, der Schneck, der Rüpp (die Raupe), der Luft ‚Wind‘, der Bank, der Ecke, der Zacke, das Kemmi (der Kamin), das Ort u. a. Auch die Pluralbildung geht manchmal ihre eigenen Wege: Hemder ‚Hemden‘, Hefter ‚Hefte‘, Better ‚Betten‘, Dinger ‚Dinge‘, Gschenker ‚Geschenke‘, Gschäfter ‚Geschäfte‘, Gschirrer ‚Geschirre‘, Ärm ‚Arme‘, Kiäche ‚die Kuchen‘, Tantene ‚Tanten‘, Miiline ‚Mühlen‘. Veraltet und selten sind Pluralbildungen ohne Endung wie d Rad ‚die Räder‘, d Kind ‚die Kinder‘. Bei weiblichen Substantiven, die in der Standardsprache auf -el auslauten, fallen im Südwesten unseres Gebietes Singular und Plural zusammen: e Gable - viili Gable; e Tafle - drei Tafle usw. Die Movierung, also die Bildung weiblicher Ableitungen, erstreckt sich nicht nur auf Substantive (z. B. Lährer - Lähreri ‚Lehrer - Lehrerin‘) sondern auch auf Familiennamen, z. B. d Maieri ‚die Frau Maier‘.

Bi de Druckete fascht verstickt

Bei der Wortbildung sind im Alemannischen ebenfalls Besonderheiten zu beobachten. So sind bestimmte Vorsilben (Präfixe) wie be-, er-, ent-, miss-, dar-, zer- wesentlich seltener, wenn nicht gar gänzlich ungebräuchlich. Dennoch ist dies kein gravierender Mangel, meist kommen dafür andere Präfixe zu Einsatz, z. B. ver- statt zer-, er- (verrupfe ‚zerrupfen‘, versticke ‚ersticken‘) oder die Mundart bildet andere Konstruktionen wie rot werden für erröten. Umgekehrt hat das Alemannische jedoch eigene gesetzmäßige Ableitungsmuster, die der Standardsprache gänzlich fehlen. Als Beispiel können Ableitungen auf -ete genannt werden, mit der Substantive gebildet werden können, die eine bestimmte Menge, Ansammlung, Anhäufung bezeichnen (fachwissenschaftlich Kollektiva genannt). Hier einige Beispiele (im Badischen Wörterbuch sind etwa 400 solcher Bildungen zusammengetragen): Backete ‚was man auf einmal bäckt‘, Tragete ‚was man auf einmal trägt, Traglast‘, Druckete ‚Menschengedränge‘, Fegete bzw. Fürbete, Kehrete ‚das Zusammengefegte, Kehricht‘, Kotzete ‚das Erbrochene‘, Kratzete ‚das Auseinandergekratzte, verrührter Pfannkuchen‘, Nähete, Strickete ‚was man gerade näht, strickt‘, Scharrete ‚was man zusammenscharrt‘ usw.

Eine starke Asymmetrie zwischen Standardsprache und Alemannisch besteht bei den Konjunktionen (Bindewörter). Generell kann man sagen, dass das Alemannische mit einem zahlenmäßig geringeren Inventar auskommt und dennoch alle Beziehungen ausdrücken kann, seien sie nun temporal, modal, kausal, konsekutiv, instrumental, konditional oder final. Es geht auch ohne indessen, infolgedessen, insofern als, während, zumal, falls, obgleich, obwohl, obschon, ungeachtet, gleichwohl, wenngleich, wiewohl, wohingegen und wie die hochgeschraubten Bildungen der Schriftsprache sonst noch heißen mögen. Das Alemannische kann ebenfalls mit dass, wo, wie, wenn, weil und wenigen anderen Konjunktionen sowie einem knappen, unverschachtelten Satzbau alles klar und verständlich ausdrücken. Als vorwiegend gesprochene Sprache verweigert sich die Mundart einem gespreizten, bürokratischen Stil.

Eine weitere markante Auffälligkeit findet sich beim sogenannten „relativen Anschluss“. Eine Konstruktion wie das Buch, das ich gestern gekauft habe muss im Alemannischen stets unter Beteiligung von wo gebildet werden, also etwa: des Buech, (das) wo-n-i mer geschtert kauft hab.

Zum alemannischen Wortschatz

Eigenheiten, die das Alemannische in seinem Wortschatz aufweist, lassen sich in mehrfacher Hinsicht herausstellen. Die erste Möglichkeit, dass Wörter sich von der Standardsprache unterscheiden, besteht darin, dass Wörter im Alemannischen sich durch lautgesetzliche Veränderungen von ihren standardsprachlichen Entsprechungen abheben, also Huus ‚Haus‘, Chind ‚Kind‘, Hoor ‚Haar‘ usw. Dies soll hier nicht betrachtet werden, da es zur Lautlehre gehört.

Der Liim hebt saumäßig guet

Der zweite Fall betrifft Wörter, die zwar im Alemannischen wie in der Standardsprache vorkommen, bei denen sich aber die Bedeutungen teilweise oder ganz voneinander unterscheiden. Hier können schon Verständigungsschwierigkeiten auftreten, weil jeder meint, er habe das Wort verstanden. So bedeutet heben in der Standardsprache ‚etwas in die Höhe befördern, hochheben‘, im Alemannischen aber ‚halten, festhalten‘. Das was man in der Standardsprache mit heben bezeichnet, wird im Alemannischen dagegen durch lupfen ausgedrückt. Ein des Alemannischen Unkundiger wird sicherlich etwas irritiert dreinschauen, wenn man ihm erklärt, dass ein bestimmter Leim gut hebt. Er wird auch eine Bühne nur im Theater suchen und nicht unbedingt unter dem Dach eines Hauses. Das sich anlegen ‚sich ankleiden‘ bedeutet, wird ihm ebenso sonderbar vorkommen wie die Tatsache, dass der Fuß manchen Alemannen bis zum Knie und sogar noch weiter hinauf reichen soll. Auch das Muul ist nicht unbedingt das, was man im Hochdeutschen mit Maul meint, es ist vielmehr die wertneutrale Bezeichnung für ‚Mund‘. Auch ein Brötli ist beileibe kein Brötchen sondern ein Plätzchen, denn ein Brötchen ist hier ein Weckli. Andere Bedeutungen als in der Standardsprache liegen auch vor in Teppich ‚Decke‘, Schmutz ‚Fett‘, schmecken ‚riechen‘, wischen ‚kehren‘ und echt ‚bloß, nur‘.

Drittens gibt es im Alemannischen Wörter, die in der Standardsprache überhaupt nicht vorkommen. Diese Gruppe ist sehr interessant, zeigt sie doch das alemannische Sondergut, das teilweise noch in alt- oder mittelhochdeutschen Quellen zu finden ist und das interessante Einblicke in die Sprachgeschichte insgesamt bietet. So findet man das alemannische Wort Häß ‚Kleidung‘, heute vor allem in der Bedeutung ‚Narrenkleid‘ verwendet, schon in mittelhochdeutsch das hæz (gesprochen hääs) ‚Rock, Kleid, Kleidung‘. Verfolgt man die Herkunft weiter in die Frühzeit, so lassen sich Beziehungen zu altindischen und hethitischen Parallelen herstellen. Die Tatsache, dass ein Wort nicht in die Hochsprache gelangt ist, sagt nämlich nichts über sein Alter und schon gar nichts über seinen sprachgeschichtlichen Wert aus.

Abschließend folgt nun eine Auflistung von Wörtern, die im Alemannischen insgesamt, oder auch nur in Teilgebieten verwendet werden und die nicht in der Standardsprache vorkommen. Da jedoch diese Wörter wiederum in verschiedenen Lautungen innerhalb des Alemannischen vorkommen können (z. B.: serpfle, sürpfle, sirpfle ‚in kleinen Schlucken trinken, schlürfen‘), wird in der Regel nur eine „Leitform“ gewählt, hier z. B. sürpfle. Natürlich ist die folgende Auflistung nur eine kleine Auswahl, der Reichtum und die Vielfalt des alemannischen Wortschatzes ist wesentlich größer.

Alemannischer Wortschatz

Vun Aberwille bis Zischdig

Aberwille ?Ekel?, Aiße ?Furunkel?, Anke ?Butter?, bäffzge ?kläffen, anranzen?, Bammert ?Flurhüter?, Bibbeli(s)käs ?Quark?, biige ?aufschichten, stapeln?, bitlos ?erbärmlich, elend?, Bloche(re) ?Ackerwalze?, Blodere ?Blase?, Brägeli ?Bratkartoffeln?, briäge ?weinen?, Brötli, Zuckerbrötli ?Weihnachtsplätzchen?, daie, däue, mäue ?wiederkäuen?, Daische ?Kuhfladen?, Dobel ?Tal, Geländeeinschnitt?, Dolke ?Tintenfleck?, drümmlig ?schwindlig?, Dubel ?dummer, einfältiger Mensch?, Fleckli(n)g ?dickeres Brett?, Füdle ?Hintern?, Fürtuech ?Schürze?, ghäb, käb ?knapp, eng?, gheie, keie ?fallen, hinfallen?, Gink ?Tritt, Stoß?, Gluckser ?Schluckauf?, Guck(el) ?Tüte?, guge ?schaukeln?, Guller ?Hahn?, gumpe ?hüpfen, springen?, Hag ?Zaun?, Heitere ?Helligkeit?, kafle ?nagen, knabbern?, Kaib ?durchtriebener Mensch?, Käner ?Dachrinne?, klöpfe ?mit der Peitsche knallen?, knitz ?nichtsnützig, durchtrieben?, Kriäse ?Kirsche?, Kutter, Kütter ?Täuberich?, lampe ?schlaff herabhängen?, Laubflecke ?Sommersprossen?, letz ?verkehrt?, Licht ?Leichenzug, Beerdigung?, Liiri ?Gesöff, Brühe?, liis, schlai ?ungesalzen, fade?, luck ?locker?, luege ?sehen?, lummelig ?welk, schlaff?, mänkele ?lustlos, langsam essen?, Märzenflecke, -kegel, -risele ?Sommersprossen?, meisterlos ?ungezogen?, Mor ?Muttersau?, müchtele ?muffig riechen?, Muni, Hage ?Stier?, niäne ?nirgends?, nuele ?wühlen?, Oberte ?oberste Etage in der Scheune?, Öhmd ?Grummet?, pfitterle ?kichern?, pflättere ?Wasser verschütten, planschen?, Pfnüsel ?Schnupfen?, Pfuddle ?Bollen, Kotklumpen?, Pfulbe, Pfulge ?Kopfkissen?, pfupfe(re) ?hin und wieder schmerzen?, Rälling, Rolli ?Kater?, räß ?scharf, versalzen?, Rugili ?Garnrolle?, rumpfle ?knittern?, Sägese ?Sense?, Säsli ?Haumesser?, Schäfe ?Schote von Hülsenfrüchten?, Schermuus ?Maulwurf?, Schlenz ?Riss?, Schlucke ?Lücke?, Schmurris ?Geschmortes, Mehlgebäck?, schnäfle ?schnitzen, schneiden?, Schnatte ?Schnittwunde?, schucke, schupfe ?stoßen?, seller, selli, sell ?jener, jene, jenes?, Sengnessle ?Brennnessel?, sölli ?sehr, beträchtlich?, stackse, stackle ?stottern?, Strähl ?Kamm?, Strübili ?ein gewundenes Schmalzgebäck?, trüele ?sabbern?, Tschobe ?Männerjacke?, vergelschtere ?verängstigen?, waidli ?geschwind, schnell?, Waie ?Flachkuchen?, Wiäche ?Docht?, wunderfitzig ?neugierig?, zackerfahre ?pflügen?, Zaine ?Korb?, Zego ?ein Kartenspiel?, Zischdig ?Dienstag?.

Alemannisch dunkt üüs guet!

Wer sich tiefer in die sprachlichen Strukturen des Alemannischen einarbeitet, wird überall feststellen, dass es sich hier um ein weithin regelhaftes Sprachsystem handelt, das nur einem oberflächlichen Betrachter als willkürlich und zufällig erscheinen mag. Wer in der glücklichen Lage ist, in einem solchen Dialekt aufgewachsen zu sein, sollte ihn selbstbewusst sprechen und an die nachfolgende Generation weitergeben.

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